HörArt!

Wenn Sie mögen, können Sie diesen Bericht unterstützen. Dies soll aber absolut kein Hindernis sein, meine Reiseberichte zu lesen. Alles ist kostenlos zur Verfügung gestellt. Und ich freue mich, wenn Sie Freude an den „Bildern“, die ich in Ihre Seele male, haben. Falls Sie trotzdem eine Kleinigkeit dafür geben möchten, freue ich mich natürlich darüber. Es gibt die Möglichkeit, dies mit Geld zu tun, oder Sie lassen sich etwas anderes einfallen und überraschen mich damit. Beides ist schön und lieb und lustig. Danke! Die Hauptsache bleibt aber, dass Sie diese Reise geniessen! Wenn Sie eine DVD mit 44 Filmchen der Vietnamreise beziehen möchten, ist dies gegen einen kleinen Obolus möglich und brauchen es mich nur hier per Mail wissen zu lassen.

Herzlich Ihr

Askold

‚unerhört hörbar‘

Askold in Vietnam


Ein Reisebericht von Askold zur Eck


April 2016

Hanoi, Bac Ha, Sa Pa




Bevor die Reise begann quälten mich Sorgen um Bazillen, infizierte Moskitos, tollwütige Hunde und nicht zuletzt der lange Flug. Jetzt in der Rückschau gab es keine Gefahr, dafür Freunde und eine unüberschaubare Fülle an Eindrücken, die ich nie vergessen werde. Von Hanoi reise ich nach Bac Ha und weiter nach Sa Pa. Wie anders ist doch diese Welt! Wenn Sie mögen, kommen Sie mit!


Herzlich ihr

Askold zur Eck




Inhalt


Oder du kommst einfach mit!

…und Abflug!

Einladung

Ich strecke meine Fühler aus

Quán Thán Tempel

Völlig überfordert mit all dem Neuen

Keiner kennt das Musikmuseum in Hanoi

Lieber Vegetarisch!

Paradies

Mit Zug und Bus nach Lao Cai und Bac Ha

Bac Ha

Die Zeremonie

Ich treffe drei Forscher

Stromausfall

Sonntagsmarkt

Sa Pa

Zurück in Hanoi

Ton! Wie passend!






Oder du kommst einfach mit!


Die Vorgeschichte zu dieser Reise liegt eigentlich in einem Foto. Allerdings nicht nur, galt doch mein verstärktes Interesse schon seit längerer Zeit, den für unsere Verständnisse sehr andersartigen Musikinstrumenten Vietnams. Und trotz dieser Tatsache, gab den ersten Anstoß ein nicht vorhandenes Foto.

Das Plakat unseres Museums ist toll, wirklich schön, - schön unauffällig! Die angestrebte Wirkung ist damit verfehlt, sind wir doch keine Galerie, in der es wohl eher als Kunstwerk, denn als werbewirksames Plakat Eingang gefunden hätte.

Also brauchen wir ein Neues. Auffällig sollte es sein. Mir schwebte nach reiflicher Überlegung eine kurzberockte Vietnamesin, sitzend, mit überschlagenen Beinen, bauchnabelfrei vor. Zwischen ihren Beinen klemmt das vietnamesische Instrument K’ny, so wie ich es spiele. Geschrieben wird es: K, Apostroph, N, Y. Das gesprochene Wort hört sich allerdings wie unser Knie an. Das daraus entstehende Wortspiel von Knie und K’ny, würde den visuellen Reiz perfekt ergänzen.

Die große Frage war allerdings, woher ich nun eine junge, hübsche Vietnamesin bekommen könnte, die sich auf ein derlei scharf an der asiatischen Moralgrenze befindliches Foto einlassen würde. Ich sprach mit Freunden und mir bekannten Menschen. Der eine sagte dies, der nächste riet das...


Nach diesen Überlegungen, die allesamt nicht fruchten wollten, kam am 11. Februar 2016 eine Mail eines Freundes mit langer Vietnamerfahrung in mein Büro geflattert. Oft war er schon dort gewesen, kannte Land und Leut. Perfekt, dachte ich und rief ihn einige Tage später, nämlich am 23. Februar, an. Ich unterbreitete ihm mein Problem. Er riet zu diesem und zu jenem und sagte auch noch, dass er in circa sechs Wochen in Vietnam sei, sogar mit einer professionellen Fotografin, die sicherlich bereit wäre, ein solches Foto für mich zu machen. Dann kam allerdings eine kurze Pause und er meinte: „Oder Du kommst einfach mit!“

Zu dieser Zeit wusste ich beim besten Willen noch nicht, dass ich auf den Tag genau in sechs Wochen in Hanoi landen würde. Was für ein Wahnsinn, was für ein toller Wahnsinn!

Innerhalb von zwei Tagen hatte ich mich entschieden. Alles war fixiert und in den darauf folgenden Tagen gebucht. Noch nie hatte ich eine Reise derartig spontan ergriffen. Noch nie war ich so weit gereist. Die normalerweise aufkommenden Sorgen bezüglich Flug und dergleichen, kamen nicht auf, ich war die Ruhe in Person, gelassen, freudig und in großer Abenteurerstimmung.


Doch es sollte nicht so bleiben. Ich hatte einige Tage zuvor einem lieben Verwandten (er ist Organist), der eine Reise nach China gebucht hatte, folgendes per Mail geschrieben: „...Und was mir zuerst auch so ein wenig Unwohlsein bereitete, war dieser dunkle, fast aggressive Klang der Maschine. Dann dachte ich plötzlich an meine Instrumente, da ist die Orgel ja eigentlich am Besten geeignet und lauschte dem „Klang“ wie einem sehr, sehr speziellen Konzert...“, so meine Worte an ihn. Damals war der Plan nach Vietnam zu fliegen, in keinster Weise in meinem Kopf. Am 25. Februar schrieb ich ihm: „...Nun hab ich mich also tatsächlich (und das wirklich Hals über Kopf!!) entschieden, am 4. April nach Vietnam zu fliegen - ich Hirsch!! Jetzt kann ich mir dann auch die Orgel da oben im Himmel anhören und daran denken, dass es Dir geholfen hat! Ich weiß noch nicht, ob ich nicht lieber jemandem helfe die Flugangst zu verlieren, oder selber da oben hocke!...“.

Ein Auszug einer Mail eines Freundes: „...Lieber Askold, ganz egal ob Du ein Klongput findest, schöne Fotos schießt oder nicht - Du wirst eine beeindruckende Reise erleben!...“.

Meine Antwort an ihn: „...Für meine Arbeit wird diese Reise ein unendlich wertvoller Schatz sein; wird doch stetig diese oder jene Situation vor mein geistiges Auge treten. Und es sind ja oft so Kleinigkeiten, die eine Erzählung so reich werden lassen kann. Sei es ein Geruch, ein besonderes Licht, eine Geste eines Menschen, eine Besonderheit der Natur…“. Nebenbei erwähnt: ich habe ein Klongput gefunden!

Einer Freundin schreibe ich: „...Am Sonntag ist dann der berühmte und riesige Markt dort. Du bekommst alles. Vom Notwendigen was die Minderheiten brauchen, bis über Kleidung und Hunde, Hühner, Schweine und Büffel. Ich bring Dir ’nen Büffel mit, wenn Du willst! Hab ich den Eltern auch schon angeboten! Ich glaub, die wollen keinen...“.


Die Tage und insbesondere die Nächte vor der Abreise, brachten aufgrund der vielfältigen Berichte beispielsweise im Internet, oder von kompetenten Ärzten, Freunden und Büchern, meine hochfliegende Freude und Sicherheit, gehörig ins Wanken! Viren, Bazillen, tollwütige herumstreunende Hunde, dann doch auch noch der lange Flug, aktuell eine leichte Erkältung, ein Druck im Brustbereich, einige mehr oder minder schlaflose Nächte... und eines Nachts die Gewissheit: dir geht’s saumäßig, du bist krank! Leider wirst du nicht verreisen können! Wie schade!... Und in meinem Inneren lächelte ich, hatte ich doch mit dieser Gewissheit, alle Gefahren gebannt. Ich war gerettet und konnte meinem normalen Alltag wieder nachkommen! Endlich würde ich wieder tief und ruhig durchatmen können. Keine Sorgen mehr; und überhaupt: Vietnam kann man doch heute ganz bequem im Internet erleben. Ohne sich den Magen zu verderben, ohne gefährliche Busfahrten, ohne räuberische Gauner, die einem Geld, oder vom Moped aus den Fotoapparat entwenden. Wie wunderbar war dieser Gedanke! Doch irgendwie und aus irgendeinem Grund, klappte dieser Plan nicht; nämlich überhaupt nicht!


Der Tag rückte näher und näher, meine Sorgen kamen und gingen wie unkontrollierbare Wallungen. Eine Woche noch! Fünf Tage! Vier Tage! Zwei Tage, sozusagen übermorgen geht’s los! - -

Die letzte Nacht! - Alles ist gepackt. Alle Kleider mit „NoBite!“-Insektenschutz gegen Moskitos eingesprüht und getrocknet und dann in Plastiksäcken luftdicht verstaut, so wie es mir der Tropenspeziallist geraten hatte. Zwei Tuben Creme, auch gegen die Moskitos. Kein Spray... warum eigentlich nicht? - ich hätte es doch zur Sicherheit mitnehmen können. Eigentlich hatte man mir auch noch geraten, ein kleines sehr lautes Alarmgerät zu kaufen. Einmal gegen Diebe, andererseits gegen angreifende, wahrscheinlich tollwütige Hunde. „Sie sind im Ohr sehr empfindlich, gerade durch die Krankheit. Dann hat man ganz schnell wieder Ruhe von ihnen!“, hatte der Tropenspeziallist gesagt. Ich hatte kein Alarmgerät.

Alle Hotels hatten mir, nachdem gefühlte tausend Mails hin und her gingen (nur um sicher zu sein) versichert, dass sie keine Moskitonetze hätten, was ich gar nicht mal so toll fand. „Keine Sorge“, hieß es immer beschwichtigend, „hier gibt’s keine Moskitos!“ Es beruhigte mich aber eigenartigerweise nicht.

Nun gut! Lange Rede, kurzer Sinn: ich war so mittelprächtig ausgestattet, mein Gefühlsleben schwankte nun zwischen: „Ja! - das wird eine richtig tolle Reise!“; und: „Was hab ich mir da bloß angetan!“

Irgendwann kam mir der Gedanke, etwas mehr acht zu geben, auf die lieben und gut gemeinten Wünsche vieler Menschen, die von meiner Reise gehört hatten. „Guten Flug!“ „Komm gut wieder!“ „Eine schöne Zeit!“ „Pass auf dich auf!“ - solche und ähnliche Wünsche hatte ich von ihnen mitbekommen. Das tat gut und ich merkte, wie ihre Worte und Gedanken, Realität in meinem Leben wurden. Eine enorme Kraft wurde mir zuteil! „Ich hoffe nur, dass ich nichts mitbringe, was ich nicht mitbringen möchte!“, war oft meine Antwort.


Wir schreiben den 4. April 2016 und ich glaube mich zu erinnern, dass ich den Wecker nicht hörte, da ich schon wesentlich früher dem Schlaf entrissen wurde. Es war gegen 5:30 Uhr. An Weiterschafen war überhaupt nicht zu denken; raus aus den Federn.

Wie angenehm es war, das Wasser einfach dem ganzen Körper zukommen zu lassen, sollte ich doch in den nächsten Tagen, um Himmels Willen, die Aufnahme desselben unbedingt vermeiden. Selbst Zähne putzen nur mit Wasser aus der Flasche; wie kompliziert. Wie war das eigentlich beim Duschen? Hält man dann den Mund so lange geschlossen, bis man im Gesicht ganz trocken ist? - und sind dann noch Bakterien an meinen Lippen?

Frisch gekleidet, lächelnd, munter, kam ich die Treppe herunter. Mein Vater schleppte den schweren Koffer, ich den Rucksack. Meinen Eltern war’s mindestens genau so unwohl, wie mir. Und irgendwie ging es der ganzen Familie sehr, sehr ähnlich! Doch in mein Unwohlsein fügte sich nach und nach und immer mehr die Freude auf ein wirklich einzigartiges Erlebnis. An meinen Bruder schreibe ich: „... Das wird was!! Echt spannend und sicher ein besonderes Highlight in meinem Leben!!!!...“.

Ausserdem machte ich mir selber klar, dass das Fliegen doch eigentlich lustig sei. Ich erinnerte mich an den Flug nach Berlin: eine Stunde und zehn Minuten. Naja,… so ganz dasselbe würde es wohl nicht sein. Über viele Stunden, viele Länder und tausende von Kilometern würde ich dahinfliegen. Der Hinflug dauert 14 Stunden und 10 Minuten, der Rückflug 15 Stunden und 20 Minuten, zuzüglich der Zug- und Autofahrten in Österreich, Deutschland und Vietnam.


Sieben Uhr Dreißig: Koffer und Rucksack sind im Kofferraum verstaut. Die erste Etappe meiner langen Reise konnte beginnen. Nach Salzburg. Am Bahnhof kauften wir die Bahnkarte nach München und frühstückten gemütlich und in Ruhe auf hohen Hockern sitzend. Ich war wieder gelassen, wie in den ersten Tagen, da die Entscheidung zu dieser Reise gefallen war. Meine Eltern ließen mir beruhigende Worte zukommen, die sich etwa zwei Wochen später als „geschwindelt“ herausstellten. „Was hätten wir denn sagen sollen?“

Von meinem Frühstücksplatz sah ich auf einmal einen uns Bekannten, ich möchte eigentlich uns Befreundeten sagen, -er stimmt unsere Klaviere-, der die Treppe hinauf ging. Meine Mutter hatte dieser Tage versucht ihn wegen eines Termines zu erreichen, so nutzte sie die Gunst der Stunde und flitzte hinter ihm her. Als sie wieder kam erzählte sie, dass er auch nach München führe.

Das Frühstück war verzehrt, ich bummsatt und würde in den nächsten knapp zwei Wochen nie wieder etwas essen müssen. Also hinauf zum Bahnsteig. Ich konnte die Anspannung meiner lieben Eltern sehr wohl verspüren. Mit in den Zug hinein, liebe Worte, Umarmung... Wie konnte es anders sein, unser bekannter Freund saß auch genau dort. So fragte ich, ob ich mich dazu setzen dürfe, „ja, klar!“. Die Eltern verlassen den Zug, winken, noch ein Gruß und Wunsch für mich und dann sind sie weg, - aber nur fast, denn da sind sie schon wieder: ach!, fast vergessen, ein Foto! Also schön in Position gebracht, lächeln - das Abenteurerlächeln!

Impressionen zur Reise




…und Abflug!


Neun Uhr Fünfzehn: Abfahrt mit dem Zug nach München.

Das war richtig lustig, dass ich nicht alleine nach München fahren musste. Wir plauderten über dies und das, so blieb keine Zeit zum Grübeln; ausserdem freute ich mich jetzt wirklich immer mehr auf dieses Land und besonders auf die Menschen und... - eh klar, auf die Instrumente.

In München Ost stieg ich dann in die S-Bahn zum Flughafen. Ich war mir sicher, dass ich einfach locker zum Schalter gehen würde und gleich meine Boarding-Card bekommen würde, genau so, wie es vor ein paar Wochen beim Flug nach Berlin gewesen war. Allerdings war ich damals der erste Passagier am Flughafen in Salzburg. Statt dessen wartete dort eine elend lange Menschenschlange auf den Check-in. Es war heiß, sodass ich dachte, wir seien schon in Hanoi. Ich schwitzte, was mich zu keinem spontan aufkommenden Begeisterungsausbruch veranlaßte, wollte ich doch meine Flugnachbarn nicht über viele Stunden beduften. Glücklicherweise war dem letztendlich dann auch nicht so.

Ein wenig warten. Dann die üblichen Kontrollen. Alle Taschen leeren, Gürtel weg, Handy, Rucksack, Jacke und Mantel, einmal soll ich sogar die Schuhe ausziehen, selbst meine geliebte und stets in meiner Hosentasche verweilende Maultrommel, alles muss in Plastikkörbe und dann auf das Band gelegt werden.

Man selber durchschreitet auch die Kontrolle und auf der anderen Seite siehst du auf einem Monitor all deine Sachen. Alles wird durchleuchtet und dann kannst du daran gehen, alles wieder zu retournieren. Weiter geht’s zur Passkontrolle, dann wieder warten. Endlich das Boarding, man zeigt nochmals den Pass und die Karte, freundliche Thailänderinnen und Thailänder der Thai Airways erwarten einen lächelnd mit einem schätzungsweise thailändischen Gruß und vor der Brust aneinander gelegten Händen.


Eine Boing 747 begrüßt mich. Mein Platz ist schnell gefunden. Neben mir sitzt ein sehr sympathisches Pärchen mit großer Thailandkenntnis. Sie wollen in circa einem Jahr nach Thailand auswandern.

Vierzehn Uhr Fünfundzwanzig. Endlich geht’s los. So sehr ich das Fliegen immer als etwas unangenehm Kribbeliges empfand, mittlerweile ist’s nur noch genial. Und das Unglaublichste ist doch, dass diese irrsinnig schwere Kiste, so einen Schub zusammen bekommt, dass sie tatsächlich abhebt - faszinierend! Dann sitzt du da, wie in einem zurück gekippten Lehnsessel und wartest. Die Schnauze des Flugzeugs senkt sich wieder und dann fliegst du deinem Ziel entgegen. Es ist wie Zug fahren, nur das du nicht dieses „De düng, de düng, de düng“, wie auf den Schienen hast. Ok, ein Luftloch, oder Turbulenzen gibt’s im Zug nicht, ich erlebte allerdings bis jetzt nur solche, die sich wie ein kurzes Rütteln anfühlten und das muss sich auch nicht so unbedingt ändern.

Dann kamen die Stewardessen und Stewards und brachten etwas zum Knabbern, zum Trinken, zum Essen, nochmal zum Trinken, dann ein wirklich heißes Tuch zum Hände reinigen, das allerdings sehr schnell kalt wurde und somit erfrischend wirkte. Unser Abendmahl bestand aus Curryhuhn mit Reis - scharf, Fisolen, die geschmacklich überhaupt nichts mit Fisolen zu tun hatten, aber einen ungemein eigenen und feinen Sinnenreiz im Mund auslösten, dazu gab’s Gebäck, einen flockig-leichten Pudding und zu trinken Grapefruitsaft, Wasser, Wein und Cola. Nach etwa zwei Stunden, kam langsam Ruhe auf, ich schaute mir ein drittel eines superlangweiligen Filmes an, hörte danach leicht unprickelnde Musik, ab und zu ein Gang. Die Müdigkeit überfällt einen, obgleich man zu Hause um diese Zeit niemals an Schlaf gedacht hätte. Man versucht zu schlafen, schließt die Augen, döst, nickert, schlummert, wacht auf, trinkt, hört wieder 0 8 15 Musik, dämmert, trinkt und geht auf’s Klo, bis endlich nach vielen, vielen Stunden die Crew wieder erscheint, man völlig gerädert aus zwei asiatisch erscheinenden Augen herausblinzelt und ein für diese Verhältnisse sehr, sehr leckeres und geschmacklich anderes Frühstück bekommt.

Spätestens jetzt, hast Du nur noch ein Verlangen, einen Wunsch: duschen! Zu blöd aber auch, dass diese Tätigkeit in weiter Ferne liegt. Und Du weißt es.


Ein Uhr Fünf. Landung in Bangkok, raus aus dem Flieger, Verabschiedung von meinen lieben Nachbarn. „Wir werden voneinander hören“, versprechen sie „ich möchte doch zu gerne wissen, wie dir Vietnam gefallen hat. Entweder liebt, oder haßt man das Land.“, sagt er. Schön, ich freu mich drauf.

Ein riesiger, in zartem Rot gehaltener Feuerball erscheint am Himmel im gerade noch diesigen Thailand. Ein erhabener und wunderschöner Morgengruß. Um’s Gepäck muss ich mich nicht kümmern, dass kommt automatisch mit; super.

Circa zwei Stunden Aufenthalt. Ein Hatsch durch den riesigen Flughafen; eine nette Frau des Infoschalters, den ich nach geraumer Zeit erreichte und bei der ich nach C1A fragte, meinte: „Gehen Sie von hier aus immer gerade aus, nach etwa einem Kilometer sind Sie dann da!“. Ok! Wandern wollte ich eigentlich jetzt im Moment nicht so unbedingt, aber... Ich schwitze wieder, die Hitze ist hier wirklich kaum auszuhalten. Können die das hier nicht klimatisieren? Dann wieder Pass und Boardingcard vorweisen, alles gut!, und hinaus an die frische Luft. - - Zu blöd aber auch, dass ich das sehr wohl und wirklich angenehm klimatisierte Flughafengebäude, mit den recht großen und ovalen Klimaanlagen, nicht gebührend genossen habe. Denn das, was jetzt kommt, ist eine Wand von feuchter Hitze, die eine Empfindung von Gegenständlichkeit auslöst. Du rennst tatsächlich gegen eine Wand. Und die Bedeutung „Hitzeschlag“ wird hier zu einem realen Begriff. Du bist von ihr ge- wenn nicht sogar erschlagen. Und der nächste Schlag folgt sofort. Der Shuttlebus ist eiskalt. Wir fahren recht lange bis zu unserem weitaus kleineren Flugzeug. Ich bin froh als er stehen bleibt und wir diesen Eisschrank verlassen können. Bumms! Da ist sie wieder, die morgendliche Hitze Bangkoks. Circa 30 Grad und die hohe Luftfeuchtigkeit, geben ihr Bestes! Meine und alle anderen Brillen, die ich sehen kann, laufen an. Ich fühle mich richtig unwohl, die Dusche noch immer so weit wissend. Egal! - es ist jetzt eben so!


Zwei Uhr Fünfundvierzig. Noch einmal ein Start, noch einmal ein Frühstück. Ich verzichte und bin, nachdem ich aus dem Augenwinkel, den kleinen Karton meines Nachbarn begutachtet habe, sehr froh darüber. Man reicht mir dann doch noch den zuerst verweigerten Kaffee. Knappe zwei Stunden später die Landung. Endlich fast am Ziel. Es ist Neun Uhr Fünfunddreißig Ortszeit, in Österreich schlafen die meisten Menschen noch: dort zeigt die Uhr gerade Vier Uhr Fünfunddreißig an.

Wieder werden wir kontrolliert, meine in München teuer erworbene Wasserflasche (1 Liter, 4.50 Euro) mit dem köstlichen Nass, über dessen Rest ich mich gerade gefreut hätte, wird mit den Worten: „Not allowed!“, aus dem Rucksack gezogen und entsorgt. Ich bin zu müde, um mich gegen diese Tat aufzulehnen; es geschieht einfach - und ich sehe zu. Draussen suche ich den Platz, an dem unsere Koffer ausgegeben werden. Es dauert einen Moment, dann bin ich richtig. Gefühlte tausend Koffer und nochmals tausend Rucksäcke und tausend andere Gepäckstücke purzeln aus dem Loch, das auf das Förderband führt, welches mir meinen ersehnten Koffer bringen wird. Es dauert und dauert und dauert ewig. Endlich ist er da und als ich aus der Türe trete, stehen Mr. T. und ein Freund schon da und begrüßen mich.


Auf der Fahrt zu meinem Hotel mache ich die meisten Fotos dieses Tages. Es werden circa 400. Bis zum Abend vermehren sie sich auf 451. Schon jetzt bemerke ich die Andersartigkeit der vietnamesischen Seele und bin begeistert. Im letzten Moment erwische ich beispielsweise gerade noch die spezielle Trocknung der Wäsche. Jemand hat sie über die Leitplanke direkt an der viel befahrenen Straße nach Hanoi hinein „aufgehängt“; eigentlich mehr drüber geworfen. Zu diesem Zeitpunkt wundere ich mich noch ein wenig über die langsame Fahrweise des Freundes von Mr. T., die Auflösung dazu folgte allerdings sehr bald.

Endlich beim Hotel. Schnell krame ich noch zwei Packerl Mozartkugeln aus meinem Koffer und schenke sie Mr. T. und seinem Freund, als einen Gruß aus meiner Heimat.

Ich habe kaum Zeit erneut die unglaublich schwüle Hitze wahrzunehmen, aber jetzt ist’s eh egal, denn jetzt bin ich bald am Ziel.


Ganz recht ist es mir nicht, dass ein Angestellter meinen Koffer an sich nimmt und damit im unteren Teil des Hotels verschwindet, indem er gleichzeitig auf eine bogenförmige rechts und links ansteigende Treppe deutet. Egal! - wird schon ankommen! Ich gehe hinauf. Dort öffnet man mir gleich die gläserne Tür. Ich atme auf. Eine Klimaanlage heißt mich Willkommen. Ein paar Schritte weiter dann die nächste Angestellte des Hotels hinter der Rezeption. Einen Moment dauert es, dann habe ich meine Keycard für’s Zimmer und ich gehe zum Aufzug. Weder der Angestellte, noch der von ihm irgendwohin entwendete Koffer tauchen auf. Am liebsten wäre ich in den Keller gelaufen, um beide aufzusuchen, aber ich beherrsche mich. Wir sind ja in Vietnam; asiatische Gelassenheit ist gefragt.

Auf einmal geht die Fahrstuhltüre auf und er steht lächelnd mit ihm vor mir. Wir fahren in den zehnten Stock, dort werde ich die nächsten Tage wohnen. Nachdem er die Karte vor den Sensor der Türe gehalten hat, macht es kurz: „didldedit“ und er drückt die Klinke nieder... - mein Heim!

Ich schaue mich um. Das meiste sieht so aus, wie bei uns. Es gibt ausserhalb des Bades einen Extraschalter für heißes Wasser. Wofür der wirklich war, weiß ich nicht, da heißes Wasser auch uneingeschaltet kam. Nun ja! Eigentlich sollte noch schnell eine kurze Ankunftsmail zu all meinen Lieben fliegen, doch es gibt Probleme mit dem Internet, so wird dies zu späterer Zeit geschehen.

Die Dusche war eine Glückseligkeit der besonderen Art. War ich doch jetzt seit circa 25 Stunden unterwegs. Und es sollten nun noch ungefähr 14 weitere folgen. Und den Mund schön geschlossen halten, denn Du willst ja nicht gleich die erste Nacht im kleinsten Raum des Appartements verbringen. Herrlich, die Welt so neu geboren zu betreten.

Ich habe noch etwas Zeit, bis Mr. T. mich abholt und in seinen Shop bringt. Dort werden wir etwa eine Stunde bleiben, dann holen wir den Freund aus Deutschland am Flughafen ab.

Impressionen zur Reise




Einladung


Ich brauche Geld, vietnamesische Dong und frage nach einem Bankomat. „Gleich gegenüber!“, meint die zuvorkommende Dame der Rezeption. Ausserdem möchte ich nun einfach einmal Hanoier Luft schnuppern und meine Fühler zur ersten Erkundung ausfahren. Dazu gehört natürlich das überqueren einer Straße. Ein unaufhörlicher Strom von Mopeds, macht dies scheinbar fast unmöglich.

Zeitweise sitzt eine Person, manchmal eine ganze Familie auf einem solchen Gefährt. Sie transportieren fast alles mit ihm. Eine große Anzahl (circa 12) Bierkisten rauscht an mir vorbei, ein Presslufthammer, vier Autoreifen, eine Menge Kanister, rechts und links und obenauf angebunden, eine große Personenwaage, Kartons im Überformat und aufgetürmt, dann sehe ich den hinter dem Fahrer sitzenden Mann, der irgendeinen Ring mit einem geschätzten Durchmesser von knapp 2 Metern quer zum Moped und aufrecht hält, Gemüse, Fleisch, lebende Entenküken in riesigen Käfigen und zu Massen, Hunde und Schweine in Säcken, einmal streift mich der Flügel einer lebenden Ente, die von dem hinten am Moped sitzenden „Beifahrer“ kopfüber an den Beinen gehalten wird und allerhand undefinierbar Verpacktes. Dann sehe ich ein Moped in sehr langsamer Geschwindigkeit an mir vorbeikeuchen und einen großen grünen Karren vor sich her schieben. Ruckartig lenkt die Frau des Fahrers das Gefährt immer wieder in die richtige Richtung; die Reifen sind nicht lenkbar, also starr in eine Richtung. Und einmal sehe ich nicht einmal den Fahrer, beziehungsweise nur seinen Kopf, der sich zwischen seinem zu transportierenden Gut, total eingeschachtelt hatte.


Ich trete aus meinem Hotel und stehe am Bürgersteig einer Straße: Phố Quán Thánh. Von links kommen sie daher. Dann starte ich meinen Weg bei einem etwas verringerten Verkehr, beobachte was da links von mir passiert und es ist völlig entspannt. Du gehst einfach stetig dort hin, wohin Du möchtest. Sie fahren langsam und das ist die Auflösung, warum der Freund von Mr. T. so langsam gefahren ist. Das macht richtig Spaß. Dein Weg führt Dich über eine große Kreuzung und alles saust und braust gemächlich vor und hinter Dir vorbei.

Das mit dem Geld, stellt sich dann als weitaus größeres Problem dar. Der erste Bankomat will mir nichts ausspucken, der zweite auch nicht, - in näherer Umgebung sehe ich keinen dritten, also kapituliere ich. So ist das Leben. Du kommst in ein dir unbekanntes Land, hast nur einige Dollar in deinem Land gewechselt, da sie keine vietnamesischen Dong bekommen können und dann stehst du ohne Geld da. Kein gutes Gefühl!

Nach einiger Zeit kam dann auch Mr. T. und wir fuhren mit dem Moped zu seinem Shop. Was für ein fantastisches, ungewohntes, alle Sinne überforderndes Erlebnis! Gerüche, Geräusche, Menschen, Mopeds, Hitze und und und…

Am winzigen Shop angekommen, begrüße ich seine Frau und (ich denke) seine Mutter. Ich bin überwältigt von der Vielfalt an Musikinstrumenten, die in diesen Shop -man möchte sagen- hinein gestopft sind. Sie hängen an den Wänden, nebeneinander, übereinander, voreinander; ein Durcheinander in Regalen, die Decke ist ein Instrumentenhimmel, überall ist alles, selbst am Boden die wundervollsten Schätze. Man könnte geneigt sein, diese Örtlichkeit mit „Chaos“ zu betiteln. Für mich war es nur eines: „Das Paradies!“. Zu diesem Zeitpunkt schaue ich nur. Ordern werde ich später, in ein paar Tagen. Jetzt bin ich viel zu müde und aufgewühlt.


So! - weiter geht’s, wieder mit dem Moped. „Nein, nein! - ist gar nicht weit!“, meint Mr. T. und wir düsen los. Wir fahren und fahren und fahren... - naja, ich hab ja Zeit! Es fängt ganz leicht zu nieseln an,- gar nicht mal so unangenehm. In Hanoi habe ich niemals, nicht einmal ein klitzekleines blaues Fleckchen Himmel gesehen, jedenfalls nicht bewusst, wenn ich zurück denke. Und trotzdem habe ich mir einen leichten Sonnenbrand geholt. Es war mehr diese Spannung in der Haut, als ein sichtbares Rot im Gesicht. Genau davor hatte mich mein Tropenspezialist gewarnt. „Ein Freund von mir war in Hanoi unterwegs“, sagte er, „und es war die ganze Zeit bewölkt, trotzdem hat er sich einen ordentlichen Sonnenbrand zugezogen!“

Endlich sind wir dort, wo der Freund von Mr. T. wohnt. Wir fahren mit dem Auto weiter, zum Flughafen. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Hanoi und dem Flughafen, bleiben sie auf einmal am Rand der sehr breiten Straße stehen. Es nieselt mittlerweile schon recht intensiv, aber ganz fein. Sie fragen mich, ob ich einen Tee trinken möchte. Ich bejahe und wir gehen ein paar Meter weiter, wo doch recht improvisatorisch einige Planen kreuz und quer gespannt sind, sodass darunter eine niedere aber durchgängig trockene Fläche entsteht. Wir setzen uns auf diese typisch blauen Plastikhocker, die bei uns vielleicht einen Fußschemel hergeben würden. Die Knie sind fast auf Brusthöhe, juhu! Was für ein Erlebnis. Der extrem heiße grüne Tee wird in kleinen schlanken taillierten Gläsern serviert, hier sogar auf ebenfalls blauen niederen Tischchen. Was für ein Komfort. Ein roter Plastikeimer mit Wasser dient zum Abwaschen! Und weiter geht’s zum Flughafen.

Ein paar Stunden zuvor, war ich hier gelandet. Nun bin ich, schon nach so kurzer Zeit, voll der Eindrücke. Gerade im letzten Moment, kann ich noch den auf der gegenüber liegenden Straßenseite langsam vorwärts schleichenden, mit Wasser gefüllten Tankwagen sehen. Er spritzt im hohen Bogen Wassermassen auf die Grünanlage zwischen den dreispurigen Einbahnstraßen. Immer wieder hockeln dort auch Frauen mit ihren spitzen Hüten und pflegen die Beete, Bäume und Büsche.

Wir haben noch etwas Zeit. Es dauert bis der Freund mit seinen Freunden auftaucht. Ich nutze das Warten und klappere alle Bankomaten in Sichtweite im Flughafen ab. Kein Geld! Das nervt! - Wie war das noch mit der asiatischen Gelassenheit?

Ich stehe glaube ich bei Mr. T. und seinem Freund; irgendwie kommen wir auf die Maultrommel zu sprechen. Ich hole meine aus der Hosentasche und spiele zwei, drei Töne. Nach einiger Zeit, bin ich alleine und es kommt jemand zu mir und spricht mich „zu deutsch“ an. „Bist Du der Freund von Clemens Voigt?“ „Ja! - wieso?“ „Hab Dich grad Maultrommel spielen gehört; das konnte ja nur der Freund von Clemens sein!“ Er ist auch einer der Freunde und geschäftlich mit ihm in Vietnam unterwegs. Wir und die anderen machen uns bekannt, sehr nett.


Da kommt er endlich durch die große, sich automatisch öffnende Türe, zieht einen kleinen Koffer mit Rädern hinter sich her und lächelt. „Hallo Askold!“ Sonst hatten wir uns nur auf der Frankfurter Musikmesse und einmal in Taucha bei Leipzig gesehen. Echt witzig! Er hatte die Liebe zur Maultrommel in Vietnam gefunden. Das Instrument heißt hier Dan Moi, so wie er dann seinen sehr zu empfehlenden Online-Shop nannte: www.danmoi.de. Hier gibt’s Instrumente aus aller Welt und ich denke die größte Maultrommelvielfalt auf unserem Erdenball.

Kurz vorher hatten wir ihn hinter der Türe mit einem Herrn der Sicherheit sprechen sehen. Ein hin und her, irgendwas passt nicht. Plötzlich beugt er sich zu seinem Koffer hinunter, holt eine Dan Moi heraus und fängt an zu spielen. Alle Gesichter lichten sich; alles ist gut. In diesem Koffer waren nämlich sehr viele vietnamesische Maultrommeln; das sah wohl recht gefährlich aus.

Wir fahren Richtung Hanoi Innenstadt, biegen aber vorher ab. Auch dem Freund von Clemens fällt der extrem langsame und vorsichtige Fahrstil des Fahrers auf.

Plötzlich heißt es aussteigen. Wir sind von Mr. T. zum Essen eingeladen. Ein riesiges frei stehendes Tor, typisch asiatisch gestaltet, empfängt uns. Dahinter eine parkartige Anlage mit gestutzten großen, aber wie Bonsai aussehenden Bäumen, in denen bunte Lampions hängen, alles ist sauber und wunderschön hier. Es folgen einige Häuser, ein großer Teich, gegenüber ein tempelartiges Gebäude, es ist immer noch sehr warm und schwül.

Wir setzen uns in ein pavillonähnliches, rundes, gemütliches und bedachtes, man könnte sagen Separee und schon wird ein Kasten Bier herangeschleppt. Clemens „warnt“ uns: „In Vietnam trinkt man das Bier manchmal etwas anders. Mit Eis!“ Mir wird erstmal so, wie man hier manchmal das Bier trinkt, nämlich ein wenig anders...! War da nicht irgendwas mit dem Leitungswasser, das in irgendeiner Weise mit irgendeinem kleinen Raum zusammenhängt? Ich schaue in die circa zehn Personen fassende Runde, alle lächeln. Eis wird in Gläser gefüllt und Bier darüber gegossen und schon höre ich mich und etwa neun andere Menschen Prost, Cheers und Tschu tschu quai rufen und ein relativ kühles Bier, fließt an meiner leicht angespannten Kehle vorbei. Ich höre auf über Bakterien und Co nachzudenken. Immerhin bin ich ja nicht alleine... - und ich verrate hier schon einmal: alles war gut!

Der Himmel meinte wohl, er müsse auch einen Teil zum Gelingen dieses aussergewöhnlichen Abends beitragen. Er sandte uns, so schien es, seine gesamten Wasser Ressourcen Hanois zur Begrüßung. Und das mit Blitz und Donner. Geschieht ein solches Spektakel in unseren Breitengraden, führt es meist zu einer Umsiedlung in das Innere eines Hauses, da sich die Temperaturen herabsenken und ein Verweilen in der Natur ungemütlich wird. Hier war es, obgleich es wirklich längere Zeit kräftig regnete, weiterhin sehr warm. Ohne Schirm wäre der Gang zur Toilette ein unangenehmes Unterfangen geworden. Dort angelangt, erwarten einen sanfte vietnamesische Klänge und von einem Stövchen wölkt würziger Zimtduft. Die Pissoir sind in derartiger Tiefe angebracht, dass sogar Kinder, sehr kleine Kinder sie mühelos benutzen können.

Nachdem nun das Bier verkostet war und auch stets neu befüllt und geeist wurde, gab es festen Reis mit Gemüse, - echt lecker! Danach kleine Frühlingsrollen mit einer Soße, bestehend aus Limette, die wir uns selber in einem winzigen Schälchen über Salz und Chili träufelten - köstlich.

Dann gab es auch Hühnchen. Es lagen sehr unterschiedliche Teile desselben auf einem Teller mit einer kleinen Blutlache. Dieselben wurden in einen mit Spiritus erhitzten Topf gegeben, in dem sich eine (meiner Meinung nach) mit Gemüse und Kräutern blubbernde Suppe befand. Dann wurde ausgeteilt. Ich konnte nur noch einen kleinen Happen mitessen… Zu späterer Stunde gibt es noch einen riesigen Berg bitterer grüner Blätter, die man uns ob ihrer Bitterkeit beinahe vorenthalten hätte. Wir wollen das auch versuchen. Es soll gegen Magenprobleme helfen; na dann erst recht! Ich probiere eines im rohen Zustand. Wirklich sehr bitter. Diese Blätter kamen auch in die Suppe und noch ein paar Pilze dazu, auch wieder lecker!

Wir sitzen noch lange hier beisammen, plaudern, lachen und haben gegenseitig die Möglichkeit mit feinen Fühlern unseres Inneren, eine andere Welt, eine neue Kultur kennenzulernen. Man erkennt sehr schnell, was in einem Anderen vorgeht, wenn man sich auf ihn einlässt.

Besonders fiel mir mein Nachbar, der Cousin von Mr. T. auf. Immer wieder fand ich seine helfenden Hände in meinem Tischbereich, wo er etwas verrückte, weglegte, oder einfach praktischer anordnete. Wenn er meinen hilflosen Blick sah, war er schon zur Stelle, zeigte mir „wie’s geht“. So ein reizender, bescheidener Mann.

Eine neue Erkenntnis war es auch für die meisten unter uns, dass man benutzte Servierten, leere Plastikflaschen, abgenagte Knochen und alles andere, was man nicht mehr braucht, einfach auf den Boden unter den Tisch wirft. Bevor dann der nächste Gast Platz nimmt, wird schnell gefegt. In manchen Lokalen findet man dort Abfalleimer; allerdings eher selten, bis fast nie.

Dann ging auf einmal ein Glas mit einer undefinierbaren, intensiv dunkelgelben Flüssigkeit herum. Circa ein viertel Liter. Jeder wurde aufgefordert zu kosten; nein! - die Auflösung erst danach. Ich malte mir schon die unmöglichsten Körperteile eines Tieres (man hat ja schon das eine oder andere gehört) in Alkohol getränkt, vor meinem geistigen Auge aus, bis ins Detail, dessen Sud wir nun trinken würden. Nach der ersten Geruchsüberprüfung war noch nicht klar, was da in Alkohol angesetzt worden war, aber das, schon. Ein Schlückchen und ein ganz eigener Geschmack und ein wärmendes Gefühl durchzieht meinen Körper. „Vielleicht tötet dieses Getränk all die bösen Bakterien des Eises im Bier?“, durchfährt es mich kurz. Dann folgt die Auflösung. Es ist ein in Alkohol gelegter Pilz. Ein Kilo kostet 70.000 Dollar. Mr. T. stellte 20 Liter Schnaps aus 100 Gramm her, die demnach logischer Weise 7000 Dollar kosteten. Was für ein Tröpfchen. Das Glas kommt immer wieder vorbei, immer wieder, wie von Geisterhand gefüllt und Mr. T. bezeugt, dass dieser Trunk stark macht und sehr gesund ist; na denn!

Eine wundervolle und eindrückliche Einladung; vielen Dank!


Dann geht es in Richtung Hanoi Innenstadt weiter. Diesmal steigen wir dort auch aus und gehen von seinem Shop zu Fuß in ein sehr kleines Lokal. Ein paar Stufen hinauf, die Front ist einfach komplett offen. Wir sitzen wieder auf den typisch niederen Hockern und auf einer ebenso niederen Bank. Es gibt in spaghettidicke Streifen geschnittenes und getrocknetes Büffelfleisch und ebenso geschnittenen Käse; mnam!, so fein! Und ein Bier. Diesmal ohne Eis, aber doch eisgekühlt. Hanoi Original und pur. Von dort aus geht es noch in eine Disko und wir tanzen und springen und singen und johlen... - unfassbar! - wann hab ich das letzte Mal getanzt!!

Nun ist’s Zeit ins Bett zu gehen. Raus aus dem Laden, Verabschiedungen und eigentlich die Abfahrt, - die Abfahrt in mein Hotel. Ich möchte aber lieber zu Fuß ins Hotel gehen. Man zeigt mir die Richtung, in der mein Hotel liegt und noch einmal eine Verabschiedung und los geht’s.

Ja, ich gebe zu, dass ich zu dieser Zeit keine Ahnung hatte wo mein Hotel nun war, aber das habe ich immer wieder in mir unbekannten Städten gemacht, dass ich wirklich weite Strecken zu Fuß gegangen bin, um ins Hotel zu kommen. Das macht irgendwie Spaß und rundet den Abend auf eine eigene Art. Auch hier ist das Hotel nicht gleich um die Ecke, aber es ist sehr angenehm noch ein wenig durch Hanoi zu spazieren. Alles ist dunkel, eigenartig still. Es ist ein großer Kontrast zum Tag. Trotz dieser Gegebenheit, habe ich mich nie unwohl oder unsicher gefühlt.

Die Glastüre ins Foyer des Hotels ist verschlossen, doch der Angestellte hinter der Rezeption, eilt herbei und schließt mir auf.

Impressionen zur Reise



Ich strecke meine Fühler aus


Die Uhr zeigte irgendwas nach acht Uhr morgens an. Keine Chance auf weiterschlafen, also raus. Eigentlich verwunderlich nach dem 39-Stunden-Tag, an dem ich sehr wohl auch mal eingedöst, aber an einen wirklich erholsamen Schlaf, nicht zu denken war.

Mein Hotel heißt „Anise“. Frühstück gibt’s ganz oben im elften Stock. Nix wie rauf. Die freundliche Bedienung weist mir einen Tisch zu, ich setze mich und bekomme zur Getränkewahl Kaffee oder Tee. Kaffee! - genau richtig jetzt. Dann mache ich meine erste Reise in das Abendteuer „Frühstück auf Vietnamesisch“. Toastbrot, Würstchen, Rühr- und Spiegelei, Wurst und Käse, verschiedene Gemüse und Salate, Säfte (unter anderem finde ich auf meiner Reise immer wieder Melonensaft, so auch hier; lecker!), ein Reisgericht. Fühlt sich fast ein wenig wie zu Hause an. Ich bestelle mir ein Rührei mit Schnittlauch und roter Paprika und Salz. Dazu ein Toastbrot mit Butter, einen Melonensaft. Das Rührei ist zu einer runden, bauchigen Rolle geformt, sieht wirklich appetitlich aus. Alles schmeckt mir gut, nur das Schwarzbrot fehlt mir ein wenig. Irgendwie bin ich zugegebener Maßen doch recht vorsichtig, möchte ich doch mein wohliges Magengefühl nicht verlieren. In den nächsten Tagen werde ich immer mutiger und esse mich durch das Morgenbuffet.


Nach dem Frühstück hatte ich meistens die Angewohnheit, ein Hörtagebuch aufzunehmen. Das ist eine wirklich schöne Sache jetzt, wo ich wieder hier zu Hause weile. Während ich im Zimmer bin, schalte ich die Klimaanlage ein. Ich hatte mir gedacht, dass ich sie vorerst einmal auf eine eher höhere Temperatur einstelle, man will ja nicht erfrieren; also mal die 24 Grad testen. Nach circa vier Minuten ist es derart kalt, dass ich sie ganz abdrehe. Die Türen knallen mit einem unvorstellbaren Gepolter in die Position „zu“. Das sieht man dann nicht nur, sondern hört es auch und weiß mit eindeutiger Sicherheit, ohne es zu prüfen, dass dem so ist; - auch wenn man im eigenen Zimmer ist.


Frisch geduscht und zaghaft genährt begebe ich mich wieder einmal ins Getümmel dieser quirligen Stadt. Wieder gehe ich das leidige Thema „Füllung des Portemonnaies“ an. Ich betrete jede Bank die mir unterkommt, meist ist es schön kühl, was mich weder freut noch stört, ich will nur Geld.

Ich rede mit Engelszungen auf all die Bankangestellten ein, doch sie scheinen nicht „Engelisch“, sondern nur Vietnamesisch, bestenfalls Englisch zu sprechen. Völlig geknickt gehe ich jedes Mal wieder hinaus, suche die mir empfohlene Bank oder den Bankomat auf; immer das Gleiche. Dann zeigt mir eine Frau einer Bank einen Bankomat auf der anderen Seite der Straße. Ich weiß ja schon, dass es nicht funktioniert. Wie erstaunt und erschrocken und erfreut war ich dann, als mir da auf einmal Fünfmillionen Dong entgegen purzelten; das sind 200 Euro. Nun konnte ich wieder frei atmen; dieses beklemmende Gefühl, vor allem in einem fremden Land, war damit getilgt. Ein Stein vom Herz!


Vor lauter Freude und diesem überraschenden und unerwarteten Erfolg und einem hohen Durstgefühl, gehe ich um die Ecke an der der Bankomat stand in ein Lokal mit Selbstbedienung und kaufe mir eine Cola. Eine Freundin hatte zu diesem Getränk geraten; nu denn. Ich setze mich ans Fenster, das so groß ist, dass man sich hier wie eine Schaufensterpuppe fühlt.

Draussen entdecke ich ein paar Motive und fange sie mit der Kamera ein. Zum Beispiel sitzen sie einfach so beisammen, vor einem Laden, neben sich die Motorräder von irgendwem. Sie sitzen auf diesen kleinen Höckerchen, oder hockeln einfach so dabei. Die Haltung in der Hockelstellung habe ich sehr oft gesehen. Es tun dies Kinder, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen, Straßenverkäufer und Menschen in Anzug und Schlips. Sie tun es alle.

Eine Frau mit ihrem spitzen Strohhut geht vorbei. Sie hat einige Waren in zwei Körben, die vorne und hinten an Schnüren hängen, die an einem Tragebalken befestigt sind, der ihr schwer auf der Schulter lastet. Im Hintergrund einer der unzähligen Motorbiketaxifahrer. Sie haben alle einen ähnlichen Ausdruck und hängen irgendwie auf ihren Gefährten herum.

Drei Kinder im Alter von circa fünf Jahren stehen genau vor mir auf dem Gehweg. In Windeseile haben sie „Stein-Schere-Papier“ gespielt, der Gewinner ist der Anfänger eines weiteren Spieles. Leider geht alles so schnell, dass ich kein Filmchen machen konnte. Zu süß, die drei.

Dann wird mir auf einmal schlagartig dermaßen übel. „Aha! - jetzt hast Du’s also doch geschafft! War’s nun das Frühstück, oder die Cola?“ Ich schaue, dass ich flott im hinteren Bereich des Lokals verschwinde. Letztendlich kühle ich meine Hände und Pulsadern mit kaltem Wasser und sofort geht’s mir wieder besser. Wahrscheinlich überhitzt und überanstrengt. Draussen gebe ich meine halbvolle Cola mit einem asiatischen Lächeln ab und gehe.


Mit Fünfmillionen in der Tasche, schlendere ich nun ganz gelassen durch die Straßen von Hanoi. Es ist einfach faszinierend, da alles so anders ist. Vieles kannst du einfach nicht fassen. Zum Beispiel essen auf der Straße. Das Auge isst ja bekanntlich auch ein wenig mit und somit fallen manche Speisen schon einmal durch den Rost der visuellen Stimulation. Dann beobachtest du immer wieder, wie hier abgewaschen wird. Sie hockeln an der Straße und waschen in einem großen Plastikbottich ab und so wie wir daheim für’s Abtropfen einen Geschirrständer haben, haben sie einfach den Gehweg. Dort stellen sie das gewaschene Geschirr ab und schlichten es dann ineinander, sodass du dann beim nächsten Mahl, ein Stück Hanoi kostenlos dazu bekommst. Lecker! Stäbchen werden auch rucki zucki abgewaschen und gut ist.

Nicht nur das sauber gewaschene Geschirr, sondern auch Müll kommt auf die Straße. Ein Großvater animiert seinen vielleicht eineinhalb Jahre alten Enkel, ein Plastiksackerl auf die Straße zu werfen. Ein Lob, gut gemacht! Und auch die Essensreste, Blut, Abwaschwasser, das manchmal im hohen Bogen ausgeschüttet wird und all den anderen Müll, findet man hier und man muss ständig aufpassen, dass man nicht in irgendetwas undefinierbares steigt, was natürlich immer wieder passiert. Und es ist nicht schlimm. Meine Schuhsohlen haben viel gesehen.

Ich erwische mich dabei, dass ich für irgendeinen Abfall einen Abfalleimer suche, in der nächsten Sekunde aber realisiere, dass es dieselben ja hier nicht gibt, beziehungsweise eben überall. „Nimm den Großen!“, sagt man ja bei uns manchmal scherzeshalber, aber hier ist er es ja wirklich. So stehe ich dann wie ein kleines Kind dort, dass weiß, das es etwas Schlimmes macht und noch einmal kurz schaut, ob es beobachtet wird, - dann lasse ich es unauffällig an der Seite der Straße fallen und gehe flugs weg von dort.

Was allerdings großartig ist, ist, dass der Müll jeden Abend aus den flachen Rinnen, seitlich der Straßen gelegen, von Frauen (meist mit den typischen Strohhüten, die spitz nach oben zulaufen) in relativ große Tonnen mit Rädern gefüllt und abtransportiert wird. Abends sind die Straßen wieder sauber.

Ich gehe einfach so dahin, nehme den starken Abgasgeruch bewußt wahr und erinnere mich an früher, wo es immer einmal genau danach gerochen hat. Hier allerdings fast durchgehend. Heute stinkt es erbärmlich aus den Auspüffen unserer Autos. Und wenn dann einmal ein Auto an mir vorbei fährt, das diesen typischen Abgasgeruch meiner Kindheit verströmt, denke ich meist an meinen Großvater und dann lustigerweise an unser kleines Häuschen am Waldrand in Fuschl und an eine winterliche, kalte Situation vor dem damaligen grünen Holzlattentor.

Irgendwie gelange ich auf eine sehr breite Allee. Rechts und links ziehen sich hohe gelbe Mauern, der bis in die Ewigkeit verlaufenden Straße. In weiten Abständen platzartige Einfahrten und große Eisentore. Davor Polizisten, oder Militär. Teilweise scheinen sie mich nicht zu sehen, teilweise lächeln sie mich an.

Dann bin ich von einem unglaublichen Baum überwältigt. Klar! - der muss mit! Und ich krame meine Kamera heraus, mache die Einstellung und drücke ab. Haargenau zugleich mit dem „klick“ des Apparates, höre ich einen lauten schrillen Pfeifton. Ich schaue, ist mir doch sofort klar, woher er kam und sehe einen Polizisten, der genau links von dem Baum, allerdings in weiter Entfernung auf der anderen Straßenseite stand. Er gibt mir mit eindeutiger Geste zu verstehen, dass dies nun überhaupt nicht erlaubt sei. Ich schlupfe flugs in meine unterwürfige asiatische zweite Haut und bezeuge demütig mein wahrlich unmögliches, allerdings ungewollt unmögliches Verhalten.

Schnell und mit einer unsichtbar machenden Tarnkappe versehen, so das ich wenigstens meine, dass ich unsichtbar bin, verlasse ich diesen Ort. Und es war tatsächlich ein wenig ungemütlich dort. Ich hatte auf jeden Fall lange Zeit kein Bedürfnis mehr ein Foto zu machen.

Ein Innenhof hat’s mir angetan. Ich gehe vorsichtig und langsam hinein. Es gab eigentlich gar nichts zu sehen, trotzdem war ich neugierig. Eine Frau fragt, was ich denn wolle. „Och nur ein bisschen herumschauen!“ „Not allowed!“ „Was ist das hier?“ „Eine Schule!“ Ok, dann geh ich halt wieder.

Am Ende dieser elend langen Straße, komme ich zu einem Kriegsmuseum. Maschinen aller Art sind vom Bürgersteig aus zu sehen. Ein unangenehmes Gefühl befällt mich. Paßt ja gut in diese Gegend. Dort bleibe ich nicht länger.


Während der Fahrt vom Flughafen zum Hotel, hatte mir Mr. T. gesagt: „Dort geht’s zum Ho Chi Minh Mausoleum.“ Und nun stand ich auf einmal davor. Noch einerseits vom pfeifenden Polizisten verstört und andererseits vom Mausoleum beeindruckt, da es so monumental vor mir auftauchte, pfeift es doch tatsächlich schon wieder um mich herum. Genau gesagt steht ein in weißer Uniform gekleideter Sicherheitsbeamter dicht vor mir, aktiviert unverkennbar seine Pfeife und verweist mich mittels Handzeichen circa 50 Zentimeter hinter eine dort in ebenfalls weißer Farbe gehaltene Kennzeichnung. Tschuldigung! - so, jetzt passt‘s!

Ich sehe von Zeit zu Zeit während meiner kurzen Reise, sehr große Schmetterlinge. Auch hier flattern sie ziellos umher. Sie sind bezaubernd. Neben dem Mausoleum wächst Bambus, um den riesige libellenähnliche Insekten in großer Anzahl schwirren. Es war schön, dass ich sie gesehen habe, näheren Kontakt suche ich nicht und ich mach mich mal wieder auf den Weg. Gegenüber des Mausoleums, wächst in kleinen Quadraten so etwas wie Minibambus; circa zehn Zentimeter hoch. Wahrscheinlich ist es ganz etwas anderes, sieht aber so aus. In diesem fühlen sich Unmengen an knurrenden grillenähnlichen Insekten sehr wohl. Das hat irrsinnig komisch geklungen.


Angefasst werden, ist hier völlig normal. Jemand streckt einem die Hand entgegen und fragt: „...woher, wohin, wie alt?“, und und und. Oder sie rufen einem mit ihren rauen ungehobelten Stimmen, über eine Kreuzung, auf ihren Mopeds lungernd, zu: „Eh!! Motorbike?“ Und sobald man zu ihnen schaut, winken sie aufgeregt in der Gegend herum, um zu bekunden, dass es nun unsagbar wichtig sei, dass man zu ihnen kommt. Dieses Winken funktioniert allerdings etwas anders als bei uns. Die Finger hängen nach unten und dann wird man in dieser Position durch wildes wedeln herangelockt. Am Anfang wusste ich erst einmal überhaupt nicht, was sie von mir wollten.

Hier am Ho Chi Minh Mausoleum war auch ein solcher Kandidat. Dunkel gekleidet, leicht verwahrlost, schwarze und schiefe und abgenutzte Zähne und immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Er hätte mich gerne irgendwohin gefahren. Ich wollte aber lieber gehen.

Ich biege in eine sehr lange Allee ein. Nach einigen Metern bemerke ich ein bereitetes Beet. Hier sollen demnächst Blumen eingesetzt werden. Nicht schwer zu erkennen, stehen doch die in grüne Plastiksäcke verpackten Blumen schon dafür parat. Eine Motorradfahrerin bleibt vor mir auf der Straße stehen, schreit zu irgendjemandem Unsichtbaren irgendwas unverständliches und hat diesen doch recht einprägsamen Kurzgesang bei sich, der mich dann auch gleich beschallt, von dem ich allerdings bis heute nicht weiß, was er bedeutet und wofür er gut sein soll. Eventuell eine Nachricht an die Bürger… Manchmal schieben sie auch gemächlich ein Fahrrad; so hat man dann länger was davon.

Zwei Männer spielen Federball. Mitten auf dem breiten Fußweg sind die Felder aufgemalt, über ihn wird ein Netz gespannt und schon geht’s los. Dieser Anblick überrascht mich momentan ganz schön.

Später kam ich dann -durch Zufall- zum Quán Thánh Tempel, der lustigerweise an dem einen Ende der Straße meines Hotels stand.

Impressionen zur Reise




Quán Thán Tempel


Es nieselte ganz sanft aus himmlischen Höhen auf uns herab. Ich sah von der gegenüberliegenden Straßenseite, wie eine Gruppe junger Mädchen vor dem Tempel, in ihrer traditionellen Bekleidung, dem „Ao Dai“, stand. Dieser gibt dem Auge rechts und links in Hüfthöhe, freie Sicht auf ein kleines Dreieck nackter Haut. Als ich dann etwas später diesen Tempel besuchen wollte, lächelten sie mich, an mir vorbei huschend, verstohlen an.

Ich frage beim Eintritt, wo ich meinen geringen Obolus entrichte, ob ich fotografieren darf. Ja, selbstverständlich.

Die auffälligsten Farben im Innern dieses Tempels sind Rot und Gold. Alles sieht sehr feierlich und festlich und schön aus. Eine heilige Ruhe geht von diesem Ort aus. Wenige Menschen sind zugegen. Ehrfürchtig sehe ich mich um, immer wieder wartend, um betende Menschen nicht zu stören. Dann schnell ein Foto, immer darauf achtend, dass ich niemanden mit auf dem Bild habe. Riesige Räucherstäbchen umhüllen das gesamte Areal mit ihrem Duft. Es dauert einen Moment, bis ich den Geruch mit dem Tempel in eine Einheit bringe. Es ist schwül und heiß. Wunderschöne Palmen mit grünen Stämmen und lustigen braunen Ringen, stehen scheu am Rand des Gebäudes. Fische schwimmen in einem kleinen Becken. Immer wenn ich sie von vorne fotografieren möchte, drehen sie sich boshaft um und ich kann ihr kichern hören. Zwei äusserst sympathische Fischchen erlauben ein Foto.

Menschen legen Opfergaben auf den für diesen Zweck bestimmten Orten nieder. Eine alte Frau betet, ein junger Mann ebenfalls, irgendwo noch jemand. Die Wasserflasche mit dem nach Plastik schmeckenden Wasser nervt. Einen Bruchteil einer Sekunde denke ich über ein Opfer nach, dann trage ich sie weiter mit mir. Im Garten opfere ich sie dann doch, allerdings einem Baum. Die Flasche bleibt mir, bis ich wieder draußen bin. Ich sehe eine Frau zwischen einer Mauer und einigen Säulen hin und her gehen; stetig und unglaublich lange, manchmal auch rückwärts. Ich frage mich, ob dies eine körperliche Ertüchtigung, oder eine rituelle Handlung ist.

Die Geschichte dieses Tempels ist folgende: Der am 8. März 974 geborene König Lý Thái Tổ, hatte neun Königinnen und mit ihnen 13 Töchter und mindestens acht Söhne. Im Jahr 1010 reiste er auf dem Roten Fluß. Plötzlich sah er einen goldenen Drachen hoch in die Wolken aufsteigen. Durch dieses Erlebnis inspiriert, baute er sich seine neue Hauptstadt „Thăng Long“, was übersetzt „steigender Drache“ bedeutet. Heute heißt diese Stadt „Hanoi“. Lý Thái Tổ baute ebenfalls den Tempel „Quán Thánh“, am nördlichen Ende der Stadt, in dem ich gerade verweile. Er widmete dieses Heiligtum dem Wächtergeist Vietnams „Trần Vũ“. Eine beeindruckende vier Meter hohe Statue ist im Innern dieses Tempels zu sehen. Dieser Geist besaß ein magisches Schwert, das er vom Jade-Kaiser bekam und eine Schlange und eine Schildkröte als Bedienstete. Die Schlange symbolisiert die Möglichkeit einen Feind zu töten und die Schildkröte das Geschenk der Langlebigkeit.

Auf einem hölzernen Schild über einer Türe steht geschrieben: „Der See ist bezaubernd im nachmittäglichen Sonnenuntergang. Wolken fliegen hoch wie Kraniche, der Tempel ist in die Farbtöne des Herbstes gehüllt. In der Nacht erklingen die Glocken. Gott beschützt das Land auf ewig.“

Impressionen zur Reise




Völlig überfordert mit all dem Neuen


Von Göttern und Drachen zurück auf der umtriebigen Straße Hanois, sehe ich auch hier an einem wieder einmal bezaubernden Baum einen kleinen Altar für die Ahnen. Sie geben Opfergaben. Man findet sie meist in Geschäften und Lokalen, oder eben an Bäumen. Eigentlich ein schöner Brauch.

Einmal um die Ecke und ich bin bei einem Frisör. Seine ganzen Utensilien hat er auf der Straße, auch der Sessel steht vor einer Mauer und ein Spiegel ist an derselben aufgehängt, gleich daneben Mopeds. Was für ein lustiges Bild für uns. Und man findet sie immer wieder einmal irgendwo, auch schräg gegenüber von meinem Hotel, dort ohne Spiegel.

Ich bin ein wenig geschlaucht und setze mich in einen gemütlichen Club und trinke ein Bier. Das Seiterl, sprich 0.3 Liter, kostet zwischen 80 Cent und 2 Euro. Meistens aber 1 Euro, also 25.000 Dong. Und da ist es völlig egal wo man ist. Am Nebentisch, der riesig und niedrig ist und sich im absoluten Mittelpunkt des Lokals befindet, sitzen einige Angestellte und polieren eifrig Gläser.

Weiter geht’s. Plötzlich höre ich relativ laute Musik auf der Straße. Ich wundere mich erst, wer da so geräuschvoll im Innern der Stadt unterwegs sein darf und staune nicht schlecht, als ich den jungen Mann mit modern zerrissener Hose sehe. Er hält ein Mikrophon in seiner Hand, singt ein typisch vietnamesisch klingendes Lied aus der Ecke „Pop“, mit der anderen Hand schiebt er eine riesige Box vor sich her, bleibt hin und wieder stehen und unterhält so, durch lässiges Auftreten die vorbeigehenden Menschen. Irgendwie lustig!

Ich komme in ein Lokal, das eher ein Ort der Einheimischen ist. Sofort werde ich extrem bedacht. Alles wird gemacht, damit ich mich wohl fühle. Schnell steckt der junge Mann für mich eine Led Lichterkette an, der Fernseher mit dem Zeichentrickfilm wird leiser gestellt und alles geschieht in einer deutlich erhöhten Geschwindigkeit. Noch eine Frage, ob alles in Ordnung ist und man wird unauffällig-durchgehend beobachtet, um selbst dem kleinsten Wunsch Erfüllung zu verleihen.

In einem Lokal wird getanzt. Um 17 Minuten vor Mitternacht gibt eine Angestellte bekannt, dass noch ein Song gespielt wird, dann ist Feierabend. Etwa um 10 Minuten vor Zwölf kommen zwei mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten herein, gehen durch und sprechen auch einige Gäste an, vornehmlich stark alkoholisierte und um Mitternacht ist das Lokal tatsächlich leer. Sehr merkwürdige Stimmung.

Ein paar Schritte weiter, gehe ich auf meinem Heimweg am Nachtmarkt vorbei. Hier pocht das Leben noch in vollen Zügen. Es werden Kleider verkauft und die Menschen essen auf der Straße und lachen und leben. - Ich geh ins Bett.


Am nächsten Morgen während der Aufnahme für mein Hörtagebuch, nachdenkend was noch so am Vortag war, sage ich unvermittelt: „Boa! - ist das heiß!“ Es raubt einem jeglichen klaren Gedanken. Alles ist mühsam, vieles läßt mich heute stutzen und mich selber fragen, warum ich dies oder jenes nicht so und so gemacht habe; wäre von hier und jetzt völlig logisch, dort ist man einfach nur dumpf. Aber beim nächsten Besuch, auch wenn’s ein anderes heißes und feuchtes Land sein sollte, werde ich’s anders machen, das habe ich gelernt.

Aus Österreich hatte ich mir ein Waschmittel mitgenommen, dieses sollte nun zum Einsatz kommen. Im Waschbecken wird die Waschlauge bereitet, die Hose darin gedrückt und geweicht und gewalkt, schön ausspülen und nochmal, bis keine Seife mehr aus ihr zu quetschen ist. So gut es nun geht, wringe ich das Wasser aus ihr heraus und hänge sie über der Badewanne auf den Handtuchhalter. Nun hat sie ja über einen Tag Zeit zu trocknen. An und für sich kein Problem. Ich hatte nur die hohe Luftfeuchtigkeit vergessen. Sie wurde und wurde nicht trocken. So blieb mir nur die alt bewährte Methode aus Jugendjahren, in denen man plötzlich ein bestimmtes Kleidungsstück braucht, es wäscht und mit dem Fön trocknet. Ein wirklich komisches Gefühl, allerdings effizient und das Ergebnis: perfekt.

Man hört ja immer wieder, dass man Obst und Gemüse nur gekocht oder geschält essen soll. Wie ist das eigentlich. Wenn ich nun beispielsweise eine Gurke schäle, dann kann ich nachher die „kontaminierte“ Schale im Kompost entsorgen. Wie aber bitte schaffe ich es, den Kontakt von der Schale zur Hand und von der Hand zur geschälten Gurke zu vermeiden. Abwaschen sollte man sie ja wegen des für uns wenig verträglichen Leitungswasser nicht. Wahrscheinlich sollte man vorsichtig, aber auch nicht übervorsichtig sein, sonst könnte es passieren, dass man verhungert.

Apropos Gurke. Beim Frühstück gab es auch geschälte Gurke, circa 3 Zentimeter hoch und ein wenig oben ausgehöhlt. Dort hatten sie Wurst und Käse und Mayonnaise hinein gegeben. Es schmeckte ein wenig nach Fleischsalat und war köstlich.


Ich habe keinerlei Ahnung, ob die Mücken, die mich immer einmal umschwirren, nun Moskitos oder irgendwelche anderen fliegenden Tierchen sind. Sympathisch sind sie mir so oder so nicht. Einmal an einem Abend, waren es ganz schön viele. Sie sahen so heimtückisch und schadenfroh aus. Sie schlichen fliegend und ihre Lippen leckend um mich herum und hatten ihr Summgeräusch auf „stumm“ geschaltet, diese Mistviecher. Eigentlich wollte ich mich ein wenig ausruhen, war ich doch schon ziemlich lange auf den Beinen und hatte ebenfalls ziemlich lange gesucht, bis ich mich endlich hier her gesetzt hatte um ein gemütliches Bier an einer auch noch ziemlich befahrenen Straße zu genießen. Det war dann mal wohl nix. So ein gemütlich heruntergestürztes Bier, das man vor und nach dem Genuss immer im Auge haben sollte, da ansonsten gewisse Proteine in es hinein krabbeln und während man es genießt, sein volles Bewußtsein an dem abtastenden Kehlkopf hat, um im Falle eines unerwünschten Eindringlings, ihn sofort wieder aushusten und ans Tageslicht zurück befördern zu können. Na Prost!

Ein skurriler Anblick erwartet mich im Zentrum von Hanoi. Etwas rechts und abseits steht ein Moped, links ein großer roter dreckiger Eimer und ein dicker Baum. Neben ihm blaue kleine Plastiktische. Unter den Beinen derselben sieht man im Hintergrund ein Werbeschild für das Wasser in Flaschen, mit dem Namen: „la vie!“ (Das Leben!). Direkt davor steht ein Käfig mit einem Hahn. Na Mahlzeit und au revoir la vie!

Man ist völlig überfordert mit all dem vielen Neuen. Einmal habe ich gesagt: „Hundertmillionen Eindrücke!“ Und auch: „Wenn man sich aus unserer Sicht das Leben der Vietnamesen betrachtet und sich dann fragt, was ist denn nun eigentlich anders, kann ich nur eine Antwort geben: Alles!“

Thema Ampeln: Für Mopeds sind sie meist nicht vorhanden. Manchmal schon. Und manchmal für manche nicht. Für Fußgänger bedeutet Grün gleichzeitig ein mittleres Rot, da zu jeder Zeit irgendwas daher kommen kann. Allerdings ist Rot für Fußgänger nicht unbedingt Rot. Gemütlich schlendert man auf die andere Straßenseite. Und überhaupt sollte man stets wachsam sein, denn verlässt man beispielsweise den Bürgersteig und achtet nur auf den Verkehr der von links kommt, kann einem auch schon ein Moped von rechts über die Zehen fahren und zwar auf der falschen Straßenseite, sozusagen in der circa 50 Zentimeter breiten Müllrinne, also direkt am Bürgersteig. Einmal sah ich sogar Autos auf einer Straße, für die je Richtung eine Spur vorgesehen gewesen wäre, langsam nebeneinander in die gleiche Richtung auf eine Kreuzung zufahren und überall um sie herum noch Mopeds. Hätte hier jemand mit dem Auto einbiegen wollen, hätte er Pech gehabt - schon besetzt! Und trotzdem sich dieser Bericht stressig anhören mag, ist es vor Ort überhaupt nicht so. Alles ist locker und ruhig (abgesehen vom Hupen).

Ja, das mit dem Hupen ist so eine Sache. Wenn ich jetzt irgendwo eine Hupe höre, bin ich sofort in Vietnam, zu mindest für eine Sekunde. Und nebenbei erwähnt: wenn ein Hahn kräht; auch! Es begleitet einen überall. Beides. Mit dem Hupen tut man kund: „Vorsicht! Ich komme!“ Hupt man dann nochmals und nochmals und energisch und mit Nachdruck, dann bedeutet es: „Ich habe Vorfahrt!“ Und dann sollte der Andere ein wenig abbremsen und ihm den Vorrang gewähren, was er für gewöhnlich dann auch tut und alles ist gut. Manchmal allerdings fragt man sich, warum jemand hupt, wenn eh alles gut überschaubar ist und Platz ohne Ende. So ist es mir in einem später bereisten Ort ergangen und es war witzigerweise dort stressiger über die Straße zu gehen, als zum Beispiel in Hanoi. Ich überquere eine geräumige Kreuzung und circa ein Auto, zwei Fahrräder und ein Moped sind gesichtet. Dieses lahm daher kreuchende Moped kann überall an mir vorbei, es ist wirklich alles frei und es kommt daher und hupt. Wofür bitte? Nur weil man eben hupt?

Faszinierend ist immer wieder der Anblick der elektrischen Leitungen und die damit verbundenen Masten. Es sieht wie ein Wollknäuel aus, mit dem sich eine Katze über längere Zeit beschäftigt hat. Und das Unfassbare ist, ich habe das mit eigenen Augen gesehen und erlebt, dass dort Menschen arbeiten, oben direkt an den Leitungen und irgendetwas reparieren. Anscheinend gibt’s doch auch eine Ordnung.


Mittags überkommt mich der sprichwörtliche Bärenhunger. Keine der gesichteten Essensausgaben gibt mir die Möglichkeit, denselben zu stillen. Ich suche und suche und lande letztendlich leer im Magen und Kopf in meinem Hotel im elften Stock. Vieles auf der Karte kapiere ich einfach nicht und um sicher zu gehen, wähle ich Reisnudeln mit Gemüse. Zur alternative hätte es auch noch Schlangenkopf mit irgendwas gegeben. Ich bin da nicht sehr experimentierfreudig. Der Sinnenrausch dieser Nudeln hielt sich in Grenzen; - ich war satt und das war vorerst einmal wichtig.

Dann mache ich mich wieder auf den Weg. In meiner Straße finden sich vornehmlich Geschäfte mit Kleidern. Ich bummel ein wenig und schaue, wandle ziellos umher. Auf einmal komme ich zu einem Laden in dem sie Mützen und Kapperl verkaufen. Davor sitzt Mutter mit Tochter und Sohn. Sie lächeln, ich auch. Aber die Tochter lacht mit blitzenden Augen, hält sich die Hand vor den Mund und krümmt sich, wahrscheinlich vor Bauchweh, das wiederum dem Lachen zuzuschreiben ist. Ich bleibe stehen und frage, was denn sei. Die Antwort gibt die Mutter. Sie hält ihre flache Hand in einer Höhe von circa einem Meter und sagt doch glatt: „Like Vietnamese!“ „So groß wie ein Vietnamese!“ Ich lächle auch und das Mädchen hat sich noch immer nicht beruhigt! Sehr schöne Begegnung.

Ein anderes Mal gehe ich an Menschen vorbei, die an der Straße sitzen und etwas trinken. Dort befinden sich auch drei Mädchen, so um die siebzehn Jahre herum. Während ich neben ihnen vorbei gehe, sagt die ganz rechte etwas auf Vietnamesisch. Die Mittlere, ein hübsches Mädchen, zieht sie lachend auf. Ich bleibe, nachdem es unverkennbar um mich geht, stehen. Das rechte Mädchen stößt und puffert die Mittlere und wird knallrot dabei. Das gibt natürlich wieder neuen Stoff für die neckisch Freche in der Mitte. Zwischendurch kommuniziert die Mittlere auch mit mir, englisch und die Rechte wird immer röter, die Arme! Was hatte sie wohl gesagt? Echt lustig!


Die Altstadt Hanois, wird benannt als „die 36 Straßen“. In Wirklichkeit sind es aber knapp doppelt so viele. Man nimmt an, dass es die aus dem 15. Jahrhundert entstammenden 36 Zünfte waren, die dem Mittelpunkt der Stadt ihren Namen gaben.

Und man findet heute noch ganze Straßen, die eine Berufsgruppe beherbergen. Zum Beispiel befand sich bei meinem Hotel um die Ecke, die Straße, wo ein Lädchen am anderen mit Aquarien zu finden waren. Fische über Fische. An einer Ecke saßen knapp zehn Männer im Bogen derselben nebeneinander, jeder von ihnen hatte eine Handsäge vor sich aufgestellt, auf die er die Hand lässig stützte. Wenn man etwas zu zersägen hat, kommt man hier her. Bei uns undenkbar. Eine Straße galt nur der Metallverarbeitung, durch die ich mit Mr. T. mit dem Moped am ersten Tag fuhr. Es wurde gehämmert, geflext und es war einfach laut und das Leben spiegelte sich in all dem Aluminium und Stahl. Dann die Straße mit alter und neuerer Kunst, eine andere mit vielem bunten Kitsch und Souvenir, mit Kleidern, eine weitere mit Schmuck und einige Straßen davon entfernt, Blumen über Blumen, prächtig, groß und farbenfroh zusammengestellt, gleich neben der Bestattungshalle und auch... - - jawohl: die Straße der Musikinstrumente!

Hier haben sie alle ihr Geschäft, aus dem sie die Ware verkaufen, in welchem aber dann nach Feierabend auch das Moped geparkt und am Boden sitzend das Abendmahl eingenommen wird. Oft wohnen sie auch dort. Und es ist völlig egal, was für Waren verkauft werden; edler Schmuck oder Ramsch. Fast überall sieht man schmale, schräge, kurze Rampen, die über die wenigen Stiegen in den Laden führen, um das Moped herein zu fahren.


Eine wirklich aussergewöhnliche Gepflogenheit einiger Vietnamesen, ist ihr großes Bedürfnis, einiges dessen, was allen Mitmenschen unserer Erde verborgen ist, mit ihnen visuell zu teilen. Du siehst zum Beispiel ein bezauberndes, zierliches Mädchen und du möchtest gerade in großer Liebe zu ihr entflammen, dann kann es passieren, dass sie aus ihrem tiefsten Inneren, mit einem knarrend-schnatternden Ton, einen Rotz in ihren Mund und dann auf die Straße befördert. Sofort ist alle Lieb geschwunden. Manche spucken wirklich allzu gern und tun dies dann -so erlebt- auch beispielsweise im Bus.

Und es gibt auch einen speziellen Ruf, der sehr tief und rau zu jemandem gesandt wird. Ich habe ihn meist von Frauenstimmen vernommen und glaube nicht, dass es etwas Unangenehmes ist, da die Menschen recht fröhlich, zumindest aber normal wirkten. Ich habe ihn gerne gehört, da er etwas ganz eigenes ausdrückt. Urgewaltig, aber irgendwie auch anziehend.

Alles ist total schön, neu, verwunderlich und anstrengend! Es ist ja doch, für diese weite Reise, eine recht kurze Zeit, die ich in Vietnam verweile. Zehn Tage. So packt man natürlich so viel wie möglich an Programm hinein. Das es da manchmal zu gewissen Grenzen kommt, ist irgendwie auch klar, vor allem in dem Klima.

Selbst wenn wir hier in unserer Heimat von „Schwül“ reden, würde ich sagen, dass diese Schwüle mit der Vietnams nichts zu tun hat. Ich bin einmal aus meinem Hotel in Hanoi heraus gegangen und habe ganz bewusst die feuchte Hitze aufgenommen, um mich später daran erinnern zu können; und zwar deutlich. Man vergisst es sonst; kann es nicht mehr nachvollziehen.

Gestern hatte ich ein schreckliches Erlebnis. Ich gehe über eine grün leuchtende Ampel, fast alle bleiben stehen, nur einige drängeln sich seitlich an Autos und Mopeds vorbei. Es ist eine breite für jede Fahrtrichtung dreispurige Straße. Dann höre ich auf einmal ein schleifendes Geräusch, im selben Augenblick sehe ich eine ältere Mopedfahrerin knapp vor mir stürzen und vorbei rutschen. Sie war wohl etwas zu schnell unterwegs und wollte noch vor der Ampel stehen bleiben und ist dann während des Bremsvorganges auf einem glitschigen Untergrund ausgerutscht. Sie ist anscheinend auf den Bordstein gefallen, hält auch gleich ihre Schulter und verzieht unter Schmerzen ihr Gesicht. Ich bin sofort zur Stelle und helfe ihr auf. Sie greift nach mir und setzt sich dort an den Straßenrand. Andere Passanten schieben ihr Moped zur Seite und helfen so gut es geht. Dies war allerdings der einzige Unfall während meinem Vietnamaufenthalt, den ich erlebte.


Ich frage jemanden nach dem Weg und sage: „Hang Manh?“ Er schaut mich sehr unverstehend an. Ich wiederhole langsam und deutlich: „Hang Manh!“ Keine Regung. Ich krame den Zettel heraus, auf dem die Straße vermerkt ist und zeige sie ihm. „Ah! Hang Manh!“ Für mich klingt’s genau so, wie ich’s gesagt habe, nun gut, auf jeden Fall kann er mir weiter helfen. Er zeigt wortlos in die Richtung, in der ich gerade unterwegs war. Mehr wollte ich ja auch gar nicht wissen. Wollte mich nur vergewissern, ob ich richtig sei, da es mir irgendwie komisch vorkam. Also weiter. Rechts und links sind offene Markthallen und die Gewissheit, dass ich gleich Fisch sehen werde, bestätigt sich. Meine Nase; die wusste das schon vor meinen Augen. Der Weg wird immer gatschiger, ist mir aber egal, meine Schuhe kennen mittlerweile ganz andere Unterlagen. Und dann bin ich einmal durch, durch den Markt, immer gerade aus, wie der nette Herr gezeigt hatte, nur: hier ist Ende. Ich frage erneut und der neue nette Herr versteht auch erst nicht, dann hellt sich, nachdem ich ihm meinen aus weiser Voraussicht bereitgehaltenen Zettel mit der Aufschrift „Hang Manh“ gezeigt habe, sein Gesicht auf und er meint: „Ah! Hang Manh!“ Ok, mir soll’s recht sein, wenn sie ihr eigenes Vietnamesisch besser verstehen als meins, Hauptsache, ich komm zu meinem Ziel. Er allerdings bestätigt nun mit seiner vollzogenen Geste, dass mich mein Gefühl zuvor doch nicht getäuscht hatte. Er deutet in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. Na prima; dann bin ich ja wohl bald da! Nachdem ich dann doch recht weit zurück gegangen war, kannte ich mich sehr schnell wieder aus.


Die Schrift der Vietnamesen heißt: Chữ Nôm, was „Murmelschrift“ bedeutet. Wahrscheinlich hätte ich alles etwas mehr undeutlich murmelnd ausdrücken sollen, vielleicht hätten sie mich dann verstanden. Zum Beispiel bedeutet das Wort „ma“ in den sechs unterschiedlichen Tönen gesprochen: Gespenst, Mutter/Wange, aber, Reissetzling, Grab, Pferd. Da kann man sich als Nichtvietnamese natürlich schnell vertun.

Die Nase wird stetig den Reizen der Stadt ausgesetzt. Von den kochenden Garküchen, kommen gar interessante Gerüche daher, Abgase vermischen sich raffiniert mit Gekochtem, teilweise scheinen sie mit Spiritus zu kochen, oder machen ein Feuer in einem kleinen Blechofen mit Holz. Der Rauch schlägt einem bei rechter Windrichtung fleißig entgegen und manchmal ist es auch einfach nur der Gulli, der sein Innerstes dem Riechorgan preisgibt, indem er sich in den Straßen verbreitet. Und dann auf einmal ein betörender süßer Duft, den man einsaugt und nicht aufhören möchte einzuatmen. Doch schon ist er wieder entschwunden, schneller als die Kloake, wie ein flatterhafter Schmetterling.

Ich hatte es schon erwähnt. Auch hier sehe und höre ich Hähne. Sie krähen sich die Seele aus dem Leib und sehen mager aus. Bestimmt ein Festtagsschmaus. Vögel werden in Käfigen vor Geschäften, oder in Bäumen aufgehängt. Auch sie kennen ihre Bestimmung nicht, sonst würden sie bestimmt in einem Aufstand dagegen Protestieren und Gesangsverweigerung androhen. In der Tat habe ich noch nie so vielfältige und bezaubernde Gesänge gehört, wie in Vietnams Straßen. Viele unterschiedliche Vogelarten, klein wie ein Zaunkönig, oder so groß wie ein Rabe, einfarbig bis bunt und in den schönsten, schillerndsten Farben, doch alle Suppenvögel.

Ein kleines braunes Küken sitzt einmal in einer etwas abgelegenen Gegend in Hanoi auf einem Gehweg, ein Bein angewinkelt zitternd und piepsend. Eine grindige Katze hockt bucklig, ebenfalls mitten in Hanoi am Gehweg. In einem völlig überfüllten kleinen Käfig, krabbeln Welpen notgedrungen übereinander, sie sind nicht zum Gassigehen bestimmt und in einem Schuhgeschäft hockt in der Auslage ebenfalls eine Katze und beobachtet das Treiben auf der Straße. Sofort denke ich an Sankt Gilgen. Dort haben wir ein Geschäft mit dem Namen: „Schnaps und Schuh“. Hier würde es „Katz und Schuh“ heißen…

Einmal frage ich wieder nach einem Weg und erwische eine Garküche. Während man sich berät, wo mein Ziel wohl sei, sehe ich direkt vor mir liegend einen kompletten Hahn, tot, alles ist genau so, wie bei einem lebenden Hahn, die Haxln, der komplette Kopf, inklusive Kamm, nur, dass er völlig nackt ist. Keine Feder, kein Leben, sonst alles. Sieht komisch aus.

Fleisch bekommt man auf Märkten und auf der Straße. In Hanoi fuhr ich mit einem Motorbike durch eine enge Gasse und sah zwei in eine Nische gequetschte kleine Tischchen, auf denen das rohe Fleisch lag und auf hungrige Käufer wartete. Auch hier wieder Vögel, die ihr Bestes geben. Später sah ich einen Fleischverkäufer, der sein Fleisch hinten auf seinem Motorrad, auf einer mit einem Rand versehenen Holzplatte ausfuhr, ohne es in irgendeiner Weise abzudecken. Und auf den Märkten findet man auch so einiges. Köpfe, Haxln und so fort.


Mich überkommt eine derart elendigliche Müdigkeit, dass es nicht einmal die Frage nach „ja“ oder „nein“, betreffend eines Nickerchen gab. Es geschah fast von alleine. Ich schlafe schlecht ein, es ist hell und heiß und ich wäre wohl gar nicht mehr aufgestanden, hätte ich nicht noch etwas vor. So quäle ich mich aus den Federn und starte mein nächstes Abenteuer. Immerhin hatte mich das Bett zweieinhalb Stunden mitten am helllichten Tag an sich gefesselt.

Ein Sprichwort die Zeit des Urlaubs betreffend, könnte lauten: „Das späte Ohr am Kissen, möcht’ den frühen Tag nicht missen!“ Oft ging ich wirklich spät ins Bett, aber morgens wachte ich immer recht früh auf und konnte dann auch nicht mehr lange im Bett bleiben; viel zu langweilig.

Impressionen zur Reise

Keiner kennt das Musikmuseum in Hanoi!


Es ist Mittag, ich bin weiterhin wirklich müde und schwitze mal wieder ganz wunderbar und ich suche den Weg in ein Museum für Musikinstrumente Vietnams. Ich hatte von Österreich aus schon Kontakt aufgenommen, mir blöderweise nicht die Adresse notiert. Ich bin zu müde und k.o. um irgendeinen klaren Gedanken zu fassen und stehe ratlos an einer Straße. Da bleibt ein Motorbike neben mir stehen und ein zierliches Stimmchen fragt mich, ob ich nicht ein wenig mit ihr durch Hanoi fahren möchte, sie würde mir wunderschöne Orte zeigen, „for very cheap Money!“. Klar gerne würde ich mit ihr fahren, schon alleine deswegen, weil sie nicht ganz so deftig rüber kommt, wie ihre Kollegen. Es wäre jetzt genau das Richtige, nur zu blöd, dass sie kein Musikinstrumenten Museum kennt. Dann folgt ein wenig Small-talk über ihr und mein Leben. Sie will aber auch das eine oder andere Detail sehr genau wissen und erzählt unbefangen über ihre. Und sie meint, dass es auch andere sehr schöne Dinge zu sehen gäbe. Und so besteht sie auf ihrem und ich auf meinem Plan und wir kommen letztendlich nicht zusammen mit unseren Wünschen, obgleich dies doch eigentlich ganz einfach hätte sein müssen, ziert doch ein in Pink gehaltener Notenschlüssel ihren Helm. Und sie fährt von dannen. Anstatt das man zu mindest die Mailadresse tauscht und so mit jemandem in weiter Ferne Kontakt halten kann. Blödkop’, denk ich mir, als sie um die nächste Ecke biegt. Zu spät!


Dann treffe ich zufällig Clemens und die Anderen. Clemens kennt Mrs. H. aus dem Museum und ruft sie an. Sie bietet an, dass sie mich um 14:30 Uhr im Hotel abholt. Ich bin sehr froh darüber und verlasse die Gruppe. Auf Umwegen komme ich heim, bekomme einige schöne Motive vor meine Kamera und lege mich nochmals kurz nieder.

Mrs. H. bleibt direkt vor dem Hotel stehen. Sie ist mit ihrem Auto gekommen und macht einen sehr ordentlichen Eindruck auf mich, sehr höflich und lieb. Als erstes überreiche ich ihr eine Schachtel Mozartkugeln. Sie freut sich und dann geht’s los. Das man langsam fährt, weiß ich ja schon. Wir unterhalten uns und nach kurzer Zeit verstumme ich. Wenn Mrs. H. etwas sagt, schaut sie immer sehr lange zu mir und ich wende meinen Blick am Anfang immer wieder ganz kurz nach vorne, um zu sehen, was sich da so tut. Später permanent. Alles ist eigentlich gut und sie fährt sicher durch die Stadt. Es ist rein meine Sache, dass ich da ein wenig unruhig wurde. In meinem Kopf bekommt das virtuelle Bein vom Bremsen einen Krampf.

Oftmals sieht man auch Autofahrer, die anscheinend denken, dass ihr Auto breiter als eine vorgesehene Spur sei und so nutzen sie dann beide; geht doch. Lustig finde ich auch einen Spurwechsel, der so vorgenommen wird, dass der Fahrer einfach über eine längere Strecke - sehr lange, langsam und Stück für Stück, auf die Spur wechselt, die die Erwählte ist. Und hast du’s nicht gesehen, schwupps!-, naja: mittelschwupps, ist er auch schon dort.

Da, wo bei uns ein wirkliches Ende der Fahrt erreicht wäre, ist hier alles möglich. Beide Fahrtrichtungen sind proppevoll. Nichts geht mehr. Leider hat man sich verfahren. Hm! - was nun? Einfach langsam in diesem Gewühle umdrehen. Geht ja doch!

Im Museum, das eigentlich gar kein Museum ist, sondern eine Sammlung des Musikinstitutes Vietnams in Hanoi und ich mir nun gar nicht sicher bin, ob sie überhaupt öffentlich einsehbar ist, muss ich ein wenig warten, da dort eigentlich noch niemand anwesend ist. Mrs. H. organisiert das.

Als wir vom Treppenhaus in den nüchternen Gang einbiegen, sehe ich durch den rechts und links etwas weggeschobenen Vorhang der Türe zur Sammlung eine junge Frau stehen, auf mich und Mrs. H. wartend und dazwischen neugierig durchschauen. Eine liebenswerte, sich zurückhaltende, lächelnde junge Frau. Eine ältere Frau kommt auch noch dazu und dann werde ich rührend von Instrument zu Instrument geführt und die drei lieben Frauen, versuchen mir den Aufenthalt spannend und schön zu gestalten, was auch sehr gut gelungen ist. Ich mache viele Fotos und lerne sehr Interessantes über Instrumente Vietnams.

Später muss die junge und die ältere Frau wieder fort, sie haben noch zu tun. So bleibt Mrs. H. und ich zurück. Kurz darauf erscheint allerdings eine andere junge Frau, Mrs. M.. Frisch und humorvoll, ein wenig keck, mit blitzenden Augen erklärt sie weiter und fragt mich immer wieder, „You know?“, da ich zuvor meine Kenntnis über das eine oder andere Instrument kundgetan hatte, was ihr sichtlich Spaß gemacht hat.

Und wir kommen zum K’long put, das mit leicht gewölbten Handflächen, die in dieser Position aneinander geschlagen werden und vorne nur einen kleinen Spalt als Öffnung zeigen, zum Klingen gebracht wird. Durch das Zusammenklatschen entweicht die Luft nur aus dem freigelassenen Loch und bringt die Bambusröhre, vor der man jenes vollbringt, zum Klingen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Bei mir klingt da erst mal garnix. Sie zeigt es mir. Noch immer nix. Dann nimmt sie meine Hände, legt ihre rechte Handfläche an meinen Handrücken, links genauso und klatscht mit mir zusammen. Geht doch. Und wie. Klingt so, als würde sie alleine spielen. Doch als sie ihre Hände von den meinen nimmt, klingt’s wieder wie bei mir. Ausserdem ist’s gemeinsam auch viel lustiger!

Dann zeigt sie mir eine sehr spezielle Flöte, die von zwei Personen gespielt wird. Von einem Mann und einer Frau. Sie ist sehr, sehr klein, hauchdünn, ich denke Schilf oder Bambus. Der Mann bläst ganz normal hinein, schließt und öffnet die Löcher, während die Frau das andere Ende in ihren Mund hält und ihn als Resonanzkörper verwendet. Durch die Zunge, kann sie nun eine größere oder kleinere Mundhöhle bilden; die Obertöne werden leise hörbar. Fantastisch!

Nach einer wirklich langen Zeit, sind wir am Ende der Ausstellung angekommen und ich frage, ob ich ein Foto von ihr machen und ihre Mailadresse haben darf... - man hat ja gelernt. Ich mache ein Foto, sie macht ein Selfie von uns, draussen macht noch jemand zwei, drei Fotos und die Mailadressen haben wir auch ausgetauscht. Super Askold!

Mrs. H. und ich fahren nun wieder sehr weit zu ihrem Geschäft. Dort angekommen, steigen wir aus dem Auto und ich werde gleich allen möglichen Menschen, die dort gerade auf der Straße sind, vorgestellt. Scheinen Nachbarn zu sein. Im Innern finden sich vornehmlich Gitarren und Dan Bau, ein wunderbares Instrument, das für mich etwas typisch Vietnamesisches verbreitet und viele weitere Instrumente aus eigener familiärer Werkstatt.

Ich kaufe hier ein Blasinstrument, Pi pap genannt, das sie einem alten Mann aus den Bergen abgekauft hat, um ihm finanziell zu helfen. Es ist auch so Vietnamesisch. Es stammt aus  dem Nord-Westen Vietnams, westlich von Hanoi gelegen. Die Provinz dort heißt Son La. Dort lebt die Minderheit der Thai. Es ist ein Liebesinstrument und wird vom Mann gespielt, um das Herz der Angebeteten schmelzen und für ihn schlagen zu lassen. Dies gelingt ihm allerdings nur mit größter Improvisationskunst auf der Pi Pap.

Dann sitzen wir uns noch ein wenig gegenüber, plaudern und trinken Wasser.

Impressionen zur Reise




…lieber Vegetarisch!


Unvermittelt fragt sie mich, ob sie mich zum Essen einladen darf. Ich möchte das nicht, da ich schon so viel durch sie bekommen und gesehen und gelernt habe, doch sie sagt, dass ich in Vietnam der Gast sei. Sie sagt es so, dass es sehr beleidigend gewesen wäre, hätte ich diese Einladung nicht angenommen.

Also fragt sie mich, was ich denn gerne esse, danach würde sie das Restaurant wählen. Ich überlege kurz, sehr kurz, denn dann tauchen wieder einmal vor meinem geistigen Auge die unterschiedlichsten Tiere und von denen die unterschiedlichsten Teile auf. „Vegetarisch wäre toll!“

Als wir nach längerer Fahrt irgendwo ankommen, gehen wir durch einen schmalen, verwinkelten Gang, zwischen den Häusern zu einem kleinen Hinterhof. Hier stehen wenige Tische, aber wir gehen hinein. Innen ist auch kaum Platz. Es gibt eine lange Tafel in der Mitte und einige Einzeltische. Wir werden, uns gegenüber sitzend, an die lange Tafel geführt. Ich möchte meine Kameratasche nicht auf den Boden stellen und platziere sie neben mir auf einem Stuhl. Meine neue Flöte lege ich auf den Tisch, sie ist sehr empfindlich. Neue Gäste kommen und anstatt, dass man mir meinen Taschenstuhl streitig macht, bringt die Kellnerin einen neuen Stuhl für die neuen Gäste. Sehr aufmerksam und nett. Es ist ein rein vegetarisches Lokal, das älteste Restaurant Hanois. Was für ein wundervoller Ort. Ich mit Mrs. H. im ältesten Lokal Hanois. Ich kann es noch gar nicht fassen.

Wir bekommen die Karte und ich schaue und schaue und suche und lese und werde von Mrs. H. beraten. Ich wähle ein Essen mit Gemüse und Tofu und Reis und Soße und und und, für 60.000 Dong, etwas mehr als zwei Euro. Das Essen kommt und es ist unwahrscheinlich viel, noch dazu, bin ich eigentlich satt. Also los geht’s. Von Mrs. H. lerne ich nun, durch intensives Beobachten, wie das eigentlich ganz genau mit den Stäbchen funktioniert. Bald habe ich es, mit leichten Abstrichen etwaiger Verkrampfungen, relativ gut drauf. Und immer flotter und sicherer, wandert das Essen in meinen Mund. Fast vergesse ich, dass ich satt bin. Dann erreichen mich auch immer wieder Geschenke von Mrs. H. - muss ich unbedingt kosten. Ich platze und lächle.

Neben uns an dem langen Tisch, kommen und gehen immer neue Gäste. Mir scheint, nur Vietnamesen. Man sitzt nun recht ungezwungen nebeneinander, kommt schnell ins Gespräch, plaudert ein wenig, ich aufgrund der nicht vorhandenen Vietnamesischkenntnisse, sehr wenig, bis gar nicht und Mrs. H. hilft bei der Wahl des Essens. Zwei Männer sehen mein Essen und es scheint ihnen zuzusagen. Mrs. H. zeigt ihnen, wo es in der Karte zu finden ist und die nähere Beschreibung.

Eine Mutter mit einem kleinen Kind, sitzt links von mir. Sie bestellen und als das Essen kommt, kann der junge Mann sich einfach nicht mehr beherrschen und ruft voller Freude: „Soup, Soup, Soup!“ - und schon steht sie vor ihm und er löffelt strahlend seine Suppe.

Dieses Lokal war ein wirkliches Erlebnis. Erstens natürlich, dass es das Älteste Hanois ist und andererseits diese wunderschöne lockere und liebenswerte Stimmung, sowie die nicht zu beschreibende Sache, die zwischen Menschen passiert, glücklich macht und meist unausgesprochen bleibt, beziehungsweise manchmal auch einfach unaussprechlich ist.

Als wir aus dem Restaurant gehen, sagt Mrs. H., dass sie mich heim bringen möchte. Ich frage, ob es weit bis dorthin ist, sie meint: „Nein!“ So sage ich, dass ich auch zu Fuß gehen könne. Aber das geht gar nicht und sie wiederholt erneut, dass ich hier der Gast bin und sie es mir so angenehm wie möglich machen möchte.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch immer müde. Die Hitze tat ihr übriges und auch die ständige Aufmerksamkeit und die erhöhte Präsenz. Dieser Müdigkeit entsprang das Bedürfnis, einfach nur für mich sein zu können und zu entspannen; und trotz diesem Wunsch, war das nun Folgende, ein Erlebnis der Extraklasse.

Sie hatte mir ja gesagt, dass es nicht weit bis zum Hotel sei. Indem ich nun da im Auto saß und wir fuhren und fuhren und fuhren, kam mir ein Gedanke in meinen Kopf: „Mann bin ich froh, dass ich nicht zu Fuß unterwegs bin!“ - und ich genoß die Fahrt einfach. Es war mittlerweile spät und dunkel. Dann meinte sie auf einmal: „Wir kommen jetzt in einen sehr schönen Teil Hanois!“ Ich freute mich und schaute mich um. Nach und nach bemerke ich dann, dass dies nicht mein Heimweg gewesen wäre. Mrs. H. will mir das besondere Hanoi zeigen. Ich glaube, ich habe ganz Hanoi gesehen. Leider war ich so ausgelaugt und es fiel mir extrem schwer, überhaupt noch etwas aufzunehmen. Mrs. H. betonte sehr oft an diesem Tag, wie glücklich und das unser Treffen etwas ganz besonderes für sie sei. Für mich auch! - unvergesslich! Herzlichen Dank für alles!


Am nächsten Morgen bewahrheitet sich mein Sprichwort wieder. Es ist früh am Morgen. Vielleicht mag mich das Bett nicht, auf jeden Fall kann ich auch heute nicht mehr einschlafen.

Nach dem Frühstück muss ich mir wieder Geld ziehen. Ich gehe aus meinem Zimmer, bin schon beim Lift und bemerke glücklicherweise früh genug, dass ich vergessen hatte nachzusehen, wie die Straße heißt, in der „mein“ Bankomat steht. Also nochmal schnell zurück, den Fotoapparat heraus und das Foto gesucht, das ich schlauerweise vom Straßenschild neben dem Bankomat gemacht hatte. „Ah!, da ist es ja! Pho Quan Tanh!“ Mit dem Lift geht’s nun hinab und an der Rezeption frage ich nach der Straße mit dem Namen Pho Quan Tanh. Die Dame der Rezeption sieht mich an, lächelt und meint dann: „Pho Quan Tanh? Das ist gleich hier vorne die Straße. Direkt vor dem Hotel! Ganz nah!“ Wie peinlich!

Die Straßennamen klingen für uns manchmal sehr ähnlich und daher hatte ich überhaupt nicht nachgedacht, als ich das Foto von dem Straßenschild machte und ausserdem wird die Cola ihr übriges zu meinem dortigen Bewusstseinszustand beigetragen haben, - trotzdem ganz schön blöd, macht aber nix. Der Vorteil war, dass ich doch wesentlich schneller, ohne Umweg und mit großer Kenntnis und Sicherheit zu meiner Geldmaschine kam. Damals war ich ja von Bank zu Bank gepilgert, ohne Richtung und Orientierung, um dann schicksalshaft in „meiner“ Straße zu landen und beglückt zu werden.


Heute Nacht werde ich mit dem Nachtzug nach Lao Cai fahren. Die Entfernung beträgt circa 350 Kilometer, die Dauer der Reise etwa neun Stunden; Neun!!.

Während ich einpacke, läuft nebenher irgendein vietnamesischer Musiksender im Fernsehen. Softe Musik. Für diesen Moment finde ich’s ganz lustig und unterhaltsam.

Impressionen zur Reise




Paradies


Dann bin ich zu Mr. T. gegangen und habe Instrumente geordert. Sein winziger Laden ist mitten in Hanoi. Draussen wuselt und hupt und staubt es, wie allerdings fast überall. Die Instrumente hängen neben-, vor- und übereinander an den Wänden. Darunter  finden sich kleine Regale; sie quillen über, sind „phantasievoll“ bestückt. Immer wieder taucht unter dem Einen ein Anderes auf.  Und die Decke: ein Himmel der Musik, so wie der Nachthimmel der Einsamkeit. Selbst am Boden finden sich die schönsten Musikinstrumente, hier und da verteilt; immer schön aufpassen, wo man hinsteigt… unfassbar. Ja! - verrückt. Und selbst wenn man nicht Instrumente sammelt ist es ein wundervolles Erlebnis dort bei ihm. Eigentlich Chaos pur! …mein Paradies!

Wir waren ein gutes Team. Ich hatte Wünsche, die er erfüllen konnte. Er fand Instrumente, die noch nicht geahnte Wünsche in mir wach riefen. Ich fragte nach einem Instrument das ich sah. Er erklärte. Ich fragte nach dem Preis und sagte, nachdem ich denselben gehört hatte: „Yes!“. Bei jedem, ausser einem einzigen Instrument - und er schrieb die Rechnung. Es wurde für meine Möglichkeiten eine lange und zugleich eine geniale Liste, was sich circa eineinhalb Monate später in Österreich bestätigte.

Ein ganz anderes K‘ny, wie ich es vorher noch nie gesehen hatte, fand ich bei ihm. Es ist dunkelbraun, lackiert und aus Vollholz. Ausserdem hat es zwei Stahlsaiten und der Bogen war im Gegensatz zum traditionellen K‘ny mit Pferdeschweifhaaren ausgestattet. Einen Gong aus Messing, eine große Büffelglocke aus Bambus, Maultrommeln und viele Ritualringe aus Messing, die auf den Finger gesteckt werden.

Plötzlich sah ich eine kleine Schnecke, in die an der abgesägten Spitze eine Plastiktröte eingebaut war. Ich fragte ihn wieder nach dem Preis und da antwortete er, ich solle das Instrument ganz schnell wieder zurück hängen, er käme gleich wieder. Das einzige Instrument, nach dem ich fragte und es nicht kaufte. Und er verschwand. Als er zurückkam, hatte er ein sehr großes Schneckenhaus in der Hand. Ich war sofort von der Größe, Natürlichkeit, ihrer Form und Zeichnung begeistert. Zu der Zeit war sie noch komplett, also mit Spitze. Die ließ er dann vor dem Versand noch abschneiden. Ein Detail am Rande: Als sie dann endlich hier in Österreich ankam, probierte ich sie, wie fast alle Instrumente aus. Ich war sofort überwältigt. Es war mir ins Gesicht geschrieben. Nein! - nicht wegen einer zu vermutenden Überanstrengung der Atemwege, nein, es war der dem Instrument innewohnende Part, der dem Auge verborgen blieb. Kein Problem für‘s Auge, allerdings für die Nase. Es entströmten „Düfte“ der Extraklasse. Ich nehme an, dass die Künstlerin selber in dem Gehäuse verstorben und erhalten geblieben war. Einige handfeste Beweisstücke lösten sich nach längerer Einweichfrist und eine bräunliche Färbung umhüllte die Schnecke sanft in wässeriger Form. Bis heute ist ihr eine gewisse Duftnote eigen. Doch zugegebener Maßen muss ich hier doch auch erwähnen, dass ihr Klang ebenso mächtig ist. Schülern sage ich immer, dass sie ihre Füße auf den Boden stellen können. Das gibt eine kostenlose Fußmassage. Alles nur ausgelöst durch einen unsichtbaren Ton. Der ganze Raum vibriert.

Immer mehr wurde es, übrigens ein Klongput auch. Auf einmal fischte er von irgendwo am Boden ein Horn hervor. Er erklärte mir, dass es ein poliertes Büffelhorn sei. Auf ihm ist ein Drache zu sehen. „Siehst du die Schuppen? Ein Drache hat Schuppen. Du kannst sie, wenn du vorsichtig darüber streichst, fühlen!“ Und tatsächlich. Jede einzelne Schuppe. Man sollte die Hand nur in einer Richtung bewegen, die andere Richtung würde die Schuppen eventuell abbrechen. „Der Künstler, Mr. De, hat jede einzelne Schuppe mit einem Messer aus dem Horn gearbeitet. Jede Schuppe ist durch einen sehr flachen Längsschnitt in das Horn entstanden und durch denselben entsteht die helle Färbung sozusagen von alleine. Der Schnitt macht das Horn so hell. Es ist nicht geblichen, oder gefärbt“, erklärt er weiter. Ich bin begeistert. Im selben Moment denke ich: ‘Jetzt hast du dich verliebt, doch wie soll ich mir dieses Stück leisten können? Es wird unbezahlbar sein!‘ Zögerlich frage ich nach dem Preis. Ich höre etwas, hatte mich aber anscheinend nicht ausreichend konzentriert, so frage ich nochmals nach und ich höre den gleichen Preis. Das ich in der Hitze, hohen Luftfeuchtigkeit und Anstrengung nicht in Ohnmacht gefallen bin, ist erstaunlich, aber dieser Preis... Unfassbar! - - Klar! - gekauft.

Nun wird’s höchste Zeit für mich, ich muss zurück ins Hotel. Wir verabschieden uns; in ein paar Tagen bin ich ja schon wieder da.


Gibt es Wunder, oder gibt es sie nicht? Ich weiß es! Es gibt sie! Ich gehe so für mich dahin und freue mich einfach nur über die gelungene Bestellung bei Mr. T.. Wie vom Himmel herunter geschwebt, vielleicht nicht ganz so leise und im Vergleich zu einem himmlischen Gefährt, auch etwas Geruchsintensiver, steht auf einmal meine nette Mopedbekanntschaft vor mir und lächelt. Das gibt’s nicht! Doch, gibt’s! Ich lächle auch, sie fragt wie’s geht, ich sage „gut“. Dann berichte ich ihr, was ich gestern von unserem verunglückten Zusammentreffen halte und sie ist mit meinem Vorschlag, mich zum Hotel zu bringen, äusserst einverstanden. Dort habe ich nur zu große Geldscheine, sie lächelt, zwickt mich zärtlich und meint, sie würde auch 500.000 Dong nehmen, statt der ausgemachten 100.000. Schlingel!

Wir gehen in einen offenen Laden für irgendwas; keine Ahnung was die da verkauft haben. Die nette Frau wechselt mir mein Großgeld. Ich danke und überreiche der jungen Frau ihr Geld. Wir tauschen unsere Mailadresse und Telefonnummern und verabreden uns für die Zeit, wenn ich zurück bin aus dem nördlicheren Norden Nordvietnams. Passt!


Irgendwann nach Mittag, habe ich meinen Koffer zur Rezeption gebracht. Er kann während der Zeit, die ich ausserhalb Hanois verbringen werde, im Keller des Hotels verweilen. Das ist großartig, da ich mir viel Schlepperei erspare. Ich gebe meine schon in Österreich vorbereiteten Plastiksäcke mit den eingesprühten Kleidern und was ich sonst noch so brauche, in meinen kleinen Rucksack; der ist proppenvoll. Mr. T. hatte mir glücklicherweise noch gesagt, dass es in dem einen Ort, den ich bereisen würde, kalt sei. So bat ich im Hotel, nochmals an meinen Koffer zu dürfen. Hier hole ich mir meinen Mantel und auch noch eine Jacke. Beinahe hätte ich sie hier in Hanoi gelassen.

Impressionen zur Reise




Mit Bahn und Bus nach Lao Cai und Bac Ha


Vom Hotel ging’s dann zum Zug. Der Taxifahrer „versteht nur Bahnhof“, aber eigentlich selbst das nicht! Ein Angestellter des Hotels übersetzt „Trainstation“ ins Vietnamesische. Wir fahren los und kommen auch dort an. Er weiß anscheinend nicht genau wo mein Zug nach Lao Cai abfährt und bleibt erst einige Meter neben dem Eingang stehen, fragt jemanden und dann lande ich doch noch am richtigen Ort. Ich bezahle ein minimales Taxigeld und gehe in den Bahnhof.

Die nette und adrette Dame hinter dem Schalter hat erstmal irgendwie gar nicht mal so viel Zeit für mich: eh klar! - sie muss noch fertig plaudern! Dann endlich doch noch. Mit strenger Miene und klaren Anweisungen folgt Schritt um Schritt. Zu allem Überfluss braucht sie auch noch meinen Reisepass. Der ist so richtig gut im Rucksack verstaut, das macht Spaß! Ich hatte mich kurz zurückgezogen, um ihn aus all dem Übrigen des Rucksackes zu lösen. Noch kurz die Frage, wo ich liegen möchte, oben oder unten? Ich wähle oben, da ich mir denke, dass ich da irgendwie mehr für mich bin und keiner über mein Bett in sein Bett klettert. Ich bin sehr zufrieden mit der Wahl und heilfroh dort wegzukommen, da während der gesamten Zeit ein anderer Fahrkartenbedürftiger, sehr eng neben mir stand, lauschte, zusah, auch als ich mein Geld ungeschickt abzählte. Egal, nun war’s geschafft. Mit größter Anstrengung stopfe ich alles wieder in den Rucksack und raus geht’s aus dem Bahnhofsgebäude.


Da ich um 14 Uhr aus dem Zimmer im Hotel sein musste, dann keinerlei Lust hatte, mich irgendwo stundenlang herumzutreiben, hatte ich eben beschlossen, sofort zum Bahnhof zu fahren. Nachdem ich nun alles im Bahnhof erledigt hatte, musste ich ausserhalb desselben feststellen, dass es hier nichts gab, was ich mir gerne angesehen, oder wo ich mich gerne aufgehalten hätte. So dachte ich mir, da mein Magen gewisse Sehnsüchte entwickelt hatte: „Geh doch mal was essen!“ Gute Idee! Und so steuerte ich meinen Gang auf ein mir ganz nett erscheinendes Hotel zu, das Beste, was ich so momentan mit einem Blick nach rechts und einem nach links, ausmachen konnte. Von der Ferne sah es so aus, als ob das Restaurant im ersten Stock beheimatet sei. War’s aber nicht. Es ging in den Keller. Das widerstrebte mir eigentlich, aber nun hatte ich mich ja irgendwie entschieden und mein Blick in mein Inneres, sozusagen die Erinnerung, sagte mir: ‚Du findest hier sonst nix!’. Also runter mit mir. Kaum war ich circa dreiviertel der Treppe herunter gegangen, kam mir ein so scheußlicher Gestank entgegen, dass es meine Beine reflexartig in die entgegengesetzte Richtung -nämlich zurück- kehrte und ich ohne jeglichen Plan nun wieder da oben stand. Zum Glück hat mich da unten niemand gesehen; allerdings wär’s auch egal gewesen.

Irgendetwas zieht mich nach rechts. Dem Irgendwas folge ich. Die Straße macht eine Rechtskurve, später eine Linkskurve. Alles ist dunkel und schmutzig und nicht wirklich lustig. Am Ende sehe ich ein etwas helleres Lokal und freue mich. Als ich drinnen stehe, sehe ich, dass sie nur süßes Gebäck und ähnliches verkaufen und wohl eher so etwas wie eine Bäckerei sind. Da ich höchst selten ein „Süßer“ bin, frage ich, ob sie auch salzige Sachen haben. Nein haben sie nicht, aber dort vorne gibt’s was. Also gehe ich ein Stück zurück und finde ein kleines Restaurant. Das ist echt ganz nett und hat sogar einen leicht modernen Touch. Über der Bar ein riesiger Fernseher, der über Internet mit soften vietnamesischen Liedern und Musikvideos gespeist wird. Passt, da bleib ich. Nur eine Frage bleibt offen: halte ich das hier die circa nächsten fünf Stunden aus? Mal sehn!

Dort habe ich dann in Ruhe und viel gegessen. Wieder einmal Reis mit Gemüse. Es ist immer ein wenig anders bereitet. Die Besitzerin und Köchin, eine hübsche, liebenswerte und gepflegte junge Frau, kommt an meinen Tisch und plaudert mit mir, beteuert, dass sie sich sehr bemüht habe, mir etwas feines zu kochen. Und ich hab’s genossen. Dazu gab es übrigens ein als „Soup“ bezeichnetes Wässerchen, welches dazu gelöffelt wird. Mit Suppe hatte das in unserem Sinn nun sehr wenig zu tun, aber dieses kühle angegrünte Wasser schmeckte echt lecker. Ich fragte immer einmal nach, was oder wofür irgendetwas sei. Es hätte ja beispielsweise sein können, dass man dieses Wasser, vor oder nach dem Essen trinkt, oder vielleicht zum Essen dazu löffelt, oder überhaupt seine Hände darin wäscht und es könnte ja auch sein, dass dieses grüne Nass immer wieder zum Hände waschen benutzt wird, was dann nicht gerade appetitanregend gewesen wäre, hätte ich es gelöffelt. Also immer besser fragen.

Zu meiner Unterhaltung war da nun noch eine mir sehr jung erscheinende Mutter mit ihrem Kind, das auch hin und wieder mit mir Kontakt aufnahm. Es unterhielt mich mit allem möglichen lustigen Unfug und verschönte mir damit die Zeit.

Da es hier Wlan gab, konnte ich meine Mails checken. Dann kamen lustigerweise auch einige Kommentare über eines der bekannten sozialen Netzwerke von meinen Klassenkameraden. Ich hab’ sie alle gleich mal aus Hanoi gegrüßt; ist ja irgendwie schon witzig. Eine meinte, dass sie auch schon einmal in Vietnam gewesen sei und in Hanoi hätte sie einen so leckeren Kaffee getrunken. Sie gab mir sogar die Adresse des Cafés, ich schrieb zurück, dass ich noch nicht weiß, ob ich’s schaffe. Leider war’s zu kurz. Und man mag es nicht glauben, die Zeit verflog und ich musste zusehen, dass ich zum Bahnhof kam. Um einundzwanzig Uhr vierzig fährt der Zug ab. Man muss eine halbe Stunde vorher dort sein.


Mittlerweile hatte es schon seit einer geraumen Zeit angefangen zu nieseln. Ich ging hinaus und bekam eine wohlverdiente sanfte Abkühlung. Am Bahnhof drängten sich nun schon Menschenmengen in einem geräumigen Warteraum. In dem Moment, als ich dort eintraf, fing es draussen derartig heftig an zu regnen, zu blitzen und zu donnern, dass mir alle noch nicht unter dem Dach Angelangten, wirklich leid taten. Nun hieß es noch warten, Langeweile genießen, Menschen beobachten… Auch meine Fahrkartenverkäuferin fand sich hier ein und saß die meiste Zeit einfach nur da. Hier erhaschte ich erstaunlicherweise sogar ein Lächeln von ihr. Nach längerer Zeit öffnete sich die Türe zum Bahnsteig und alle strömten hinaus. Dort ging es zum Zug. Es roch nach Abgasen und Öl. Dann endlich bin ich bei meinem Wagon angekommen, eine nette Mitarbeiterin bestätigt, dass ich richtig sei, steige ein und kriege beim betreten des Abteils einen Schock. Es ist eiskalt. Draussen die extrem feuchte und heiße Luft und hier nun dieser Eisschrank. Eine Frau hat ihr Bett unter mir schon bezogen. Sie spricht anscheinend kein Englisch, so kommen wir nicht ins Gespräch und ich weiß auch nicht, ob sie überhaupt mag. Ich gebe all mein Gepäck auf mein oberes Bett, ziehe meine Schuhe aus und klappe eine kleine metallene Platte auf, um darauf zu steigen und mich hinauf zu hangeln. Wie ich oben ankomme, denke ich, mich laust der sprichwörtliche Affe! Die Klimaanlage ist genau zwischen mir und meinem gegenüber liegenden Bett installiert. Es bläst die eisige Luft genau auf mich. Was wird das wohl für eine Nacht werden. Ich ziehe sicherheitshalber die Jacke und darüber den Mantel an, so fühlt’s sich schon viel besser an, obgleich es irgendwie merkwürdig ist, mit einem derartigen Schlafgewand die Nacht zu verbringen. Allerdings ist mein Kommentar zu mir selbst: Hauptsache warm! Während ich darüber nachdenke, was da in den nächsten Stunden passieren wird, kommt eine Frau mit ihrer Tochter herein und mir ist die Klimaanlage, die Kälte und alles andere, schlagartig aber sowas von egal. Was für ein netter und hübscher Anblick, nice. Wir begrüßen uns und führen den üblichen Small-talk, woher, wohin, was für Pläne. Es stellt sich heraus, dass die beiden Neuankömmlinge aus Frankreich stammen und auch von Lao Cai weiter nach Bac Ha wollen. Na fein, denke ich und bin ein wenig aufgewühlt, hm!

Wir plaudern weiter und mittlerweile schaltet sich die Frau unter mir auch dazu. Allerdings spricht sie einfach Vietnamesisch und macht dazu eindeutige Gesten. Es ist lustig, aber irgendwie funktioniert’s auch so. Ich denke, man muss nur Wollen, dann kann man auch alles, oder zu mindest sehr viel verstehen. Zum Beispiel wurde unsere Vietnamesin auf einmal sehr lebhaft und hektisch und sagte irgendetwas aufgeregt. Normalerweise hätten wir null verstanden. Dadurch, dass sie ihre Hände zusammen klatschte und das einmal hier und einmal dort, war uns schlagartig klar: Moskitos! Wie nett. Sofort waren es nicht mehr nur zwei, sondern acht Hände die klatschten. Ich erwischte eine, sie trudelte hinab, meine hübsche Nachbarin bestätigte. Und wir bekamen sogar heraus, dass die vietnamesische Frau in Lao Cai wohnt.

Übrigens bemerkte ich erst recht spät, dass es doch tatsächlich auch Decken gab. Na prima! Schnellstens wieder heraus aus dem Mantel. Die Jacke habe ich sicherheitshalber dort gelassen, wo sie war und ab unter die Decke.

Irgendwann gegen 22 Uhr war dann einfach schlafen angesagt. Nun liegst du da auf deiner Pritsche, wirst konstant von rechts blasend eingeeist, zudem ist dieses Teil echt laut. Du kannst dir nun entweder eine deftige Erkältung holen, oder dich mit der Decke zudecken. Zweitere Lösung beinhaltet allerdings, dass dein Körper transpiriert, um genau zu sein, müsste man es eigentlich mit „Hyperhidrose“ bezeichnen, was wissenschaftlich betrachtet: „exzessives Schwitzen“ bedeutet. Ich deckte mich zu und hin und wieder für kurze Zeit ab. Diese Nacht war nun mal wirklich keine Erholung. So richtig schläfst du einfach nicht und es ist den anderen Reisenden auch nicht anders ergangen. Ich habe mir so einige Reiseberichte dieser Nacht eingeholt.

Wenn du da im Bett liegst, mit dem großen Bemühen, dich aus dem Tagesbewusstsein zu entfernen und dich den himmlischen Höhen zuzuwenden, dann ist dies in dieser Fremde und mit unbekannten Menschen rund um dich, etwas mühsamer als zu Hause. Und dann fällt dir auch alles besonders auf. So zum Beispiel das enorme Schaukeln des Wagons nach rechts und links. Das führe ich auf wechselnde Schienenhöhen zurück; geht ja, bei dem Tempo. Was noch zusätzlich dazu kommt ist, dass der Wagon vorne und hinten extrem weich und gut gefedert ist. So wippst du munter durch die stockdunkle Nacht Nordvietnams.


Lao Cai liegt direkt an der chinesischen Grenze und irgendwann sind wir da, quälen uns aus unseren Betten, ziehen uns an und kramen alles zusammen und raus aus dem Eisschrank. Draussen erwartet uns die gewohnte schwüle Hitze. Und: …ein sehr freundlicher Mensch, der uns drei permanent wie ein mächtig überlaufender Wasserfall beredet. Mann! - wir haben gerade diese spezielle Nacht hinter uns, wollen nur eins, nämlich den Bus nach Bac Ha finden und schnellst möglich dort ankommen, denn wieder einmal ist das Schönste auf der Welt: eine Dusche! Der vorher genannte Preis wird auf einmal geringer und geringer, aber immer noch viel zu hoch. „Better price!“, versichert er immer wieder. Dann führt er uns zu einem Bus, auf dem ein total anderer Preis steht, ausserdem fährt er erst später los. Ein „Kollege“ wollte uns gar das beste Angebot überhaupt machen, nur das sich „das Beste“ eher auf ihn bezog. Er wollte 50 Dollar pro Person. Nach einer Absprache mit meinen beiden Mitreisenden, unterbreitete ich ihm unser letztes Angebot: 220.000 Dong für alle drei. Er nahm mein Angebot an. Der Originalpreis wäre 57.000 Dong pro Person gewesen. Also hat er noch einen kleinen Gewinn von 49.000 Dong bei uns erzielt.

Dann der Witz. Wir sitzen im Bus und nach einiger Zeit geht’s los. Ein oder zwei Haltestellen später, kommt er zu mir hereingehechtet, flüstert hektisch und beschwörend auf mich ein, ich solle den beiden, die jetzt zusteigen würden, bloß nicht erzählen, dass ich so wenig gezahlt hätte. Sie haben, verrät er mir weiter, 300.000 Dong bezahlt. Ein schönes Taschengeld von 186.000 Dong. Und schon ist er wieder draussen und geleitet die beiden lächelnd herein…


Es ist schon wieder irre heiß, kaum auszuhalten. Ich mache wieder viele Fotos, bin zu dieser Zeit schon sehr gespannt, wie sie werden, sind hier doch die Lichtverhältnisse sehr speziell. Alles ist so hell, grell und diesig. Für mich eine ganz schöne Herausforderung.

Während dieser Busfahrt sehe ich am Straßenrand einen Jungen, der gemächlich auf einem Büffel reitet. Ein wunderschönes Bild; leider nur im Gedächtnis bewahrt, da der Bus viel zu schnell an den beiden vorbei saust.

Etwas später gelingt mir ein Foto von einem Ort der besonderen Art. Merkwürdig? Nein! - Sehr merkwürdig!! Gibt sich meinem staunenden Auge doch folgendes preis. Mitten auf dem Gehweg, direkt neben der Straße auf der wir mit dem Bus fahren, steht hinter einem Steintisch, ein riesiges Ledersofa und ein bequem aussehender Lehnsessel. Wie surreal ist das für uns! Schon wieder einmal fällt mir die Andersartigkeit Vietnams auf! In Hanoi hatte ich eine ähnliche Sitzecke gesehen. Dort war mir aus Gründen der Verletzung der Privatsphäre ein Foto unmöglich gemacht worden, saß doch gerade jemand ziemlich gemütlich dort.

Des öfteren sehe ich einerseits Ziegelherstellungsorte, an denen wir vorbei fahren und auch die überdimensionierten Schindeln für Dächer, die neben der Straße in ihrer Längsform aufrecht stehen. Sie sind sehr viel größer als unsere hier in Österreich; geschätzt 70 x 40 Zentimeter.

Für die Ziegel tragen sie die rote Tonerde ab. Ich denke das der Ton in eine Art Model gegeben wird, wodurch der zukünftige Ziegel seine Form erhält. Dann werden sie in großen Mengen zum trocknen ausgelegt. Nach drei bis fünf Tagen ist es dann so weit, dass sie für 24 Stunden in den Brennofen kommen.

Einmal sehe ich auf einem Schotterplatz neben zwei Gebäuden und einer freien Überdachung, einen Lastwagen auf drei Reifen stehen. Einer wird gerade gewechselt.

Auf dieser Fahrt hat ein Fahrgast ein Ladegut bei sich; es sind lange Bambusstäbe. Kurzer Hand werden sie seitlich auf’s Dach gezogen und oben festgebunden. Dabei kann es passieren, dass die Schnur zum Befestigen des Gutes, mal eben unten durch’s offene Fenster hereinschnalzt. Schon wird sie wieder für den nächsten Knoten herauf gezogen.

Auf der Strecke von Lao Cai nach Bac Ha und zurück, nimmt mein fröhlicher Busbegleiter teilweise irgendwelche Güter für irgendwen mit und liefert sie dann irgendwo wieder ab. Es scheint auch manchmal mitten auf der Strecke zu sein; also kein ‚offizieller‘ Haltepunkt des Busses! Irgendwer wartet dann schon dort und nimmt es entgegen.

Ein Stück weiter hockelt ein junger Mann in einem vergitterten Vorbau. Neben ihm und über ihm, gestellte und gehängte Pflanzen, hinter ihm ein Moped, vor sich einen niederen aber großen typischen roten Plastikbottich zum abwaschen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier das Wasser stetig aus einer Quelle oder einem Bach dort hinein fließt. Alles ist ringsum platschnaß und der Behälter randvoll.

Ich habe sogar Pferde gesehen, die es angeblich in Vietnam nicht geben soll. Viele waren es nicht. Eigentlich nur zwei; eine Stute mit ihrem Fohlen. Ich denke, dass dieser Anblick eine Ausnahme ist.


So viel „grün“ begleitet uns die ganze Zeit.


Häuser stehen teils einsam in der Gegend herum, wirken in ihrer Bauweise wie Villen, ihr Umfeld zeigt aber oft ein anderes Bild. Nebenbei steht zum Beispiel ein krummer Schuppen in einfachster Form und Bauweise. Wäscheleinen mit der frisch gewaschenen Wäsche daran, gespannte Planen und ein völlig anderes Leben, eine andere Lebensart, die mit dem Bau differiert.


Und ich versuche mich ständig in die Seele dieses Volkes einzufühlen, in allem was ich sehe, rieche, in Begegnungen, in der Natur, in ihrer Musik, in ihrem Gang und Blick und Sprache und ihrem so-sein, wie sie sind. Das ist wahrlich bezaubernd. Mit jeder Sekunde hebt sich ein hauchdünner Schleier und immer bessere Konturen werden sichtbar.

Impressionen zur Reise




Bac Ha


In Bac Ha beziehe ich das schon von Österreich aus gebuchte Hotel Sao Mai. Meine französischen Freundinnen hatten noch nichts gebucht und sind dann einfach ganz spontan mit in mein Hotel gekommen.

Nach dem Besuch bei der lächelnden und sehr angenehm auftretenden Dame an der Rezeption, gehe ich zu meinem Zimmer. Dazu muss ich zwar wieder aus dem Gebäude heraus, allerdings nur auf eine Art Aussengang, der in den oberen Etagen eine Ähnlichkeit mit einem breiten Balkon aufweist. Die Treppen hinauf und schon bin ich da. Der Schlüssel geht verflixt schlecht ins Schloss, sodass ich schon denke, es sei der falsche.

Innen erwartet mich ein hohes, mit dunklen Möbeln ausgestattetes Zimmer. Drei Betten und sonst auch genügend Platz.

Als ich aus dem Zimmer trete, fällt mir auf, dass ich automatisch den an dem runden zu drehenden Türgriff befestigten Knopf hereindrücke, um die Türe zu verschließen, so als sei ich schon Jahre hier zu Hause und tausende Male ein und aus gegangen. Witzig! - das macht Spaß.

Als ich frisch geduscht auf die Straße vor dem Hotel trete, kommen mir gerade eiligen Schrittes meine beiden Reisebegleiter entgegen. Sie sagen etwas von „wenig Zeit“. Ich verstehe erst einmal nicht so wirklich um was es geht. Später kamen sie wieder und ich konnte sehen, dass sie sich Guides organisiert hatten und mit ihnen gemeinsam eine Tour in die Umgebung machten. Sie empfehlen mir ein Lokal, in das ich mich gerne setze.


An die daheim auf Nachricht Wartenden schreibe ich folgende Mail: Ihr Lieben! Seit circa 1 Stunde bin ich in Bac Ha. Hab noch nicht sehr viel gesehen, aber geduscht!!!!!!! Das Hotel ist schön, Rezeption sehr nett und ein wenig „vietnamesisches Flair“ ist auch dabei. Knie hab ich auch schon gesehen, noch nicht fotografiert. Die Nachtfahrt war nicht so ganz das Wahre. Habe oben geschlafen im 4er Abteil. Es war heiß und ich hab gschwitzt! Gleichzeitig lief eine Klimaanlage in der Mitte der Decke - so kalt, so laut! Super Mischung! Unter mir schlief eine Frau, aus Lao Cai. Sie sagte immer mal was und wir haben versucht zu deuten. Die eine Frau meinte: „Ich glaube sie möchte gerne kommunizieren, kann aber kein Englisch!“ Gegenüber schliefen Mutter und Tochter aus Frankreich, Mutter lieb, Tochter süß! Sind dann auch ewig hier her gefahren, viele Fotos gemacht. Dann zu meinem Hotel, sie haben auch eingecheckt. Ich hab dann mal geduscht... herrlich! - ein neuer Mensch! Ich bin mit meinem Mittagessen fast fertig, obgleich es erst 11 Uhr ist. Bei euch 6. Da haben sogar die Eltern noch nicht Mittag gegessen! Hier im Lokal sitzt ein höchstens 3jähriger und sieht sich pausenlos irgendwelche Musikvideos am Handy an. Neben mir ist ein kleiner Altar für Ahnen, Räucherstäbchen hüllen mich sanft in himmlisches Gewölk. Zum Reis gibts Sojasauce und eine knallorange, sehr scharfe, sehr leckere Sauce. Das Essen (echt lecker und absolut genug, zeig euch dann ein Foto) kostet 50.000 Dong, das sind 2 Euro!! Und: heute Abend essen die Franzosen und ich gemeinsam. Nett! Angenehm warm hier, nur mit T-Shirt!

Mutter antwortete mir: ...wir zählen... aber freuen uns, daß Du so eine schöne Reise machen kannst!! Auf gutes Wiedersehen und eine noch interessante Zeit mit schönen K’nyen...

Später ergänzt sie:

...Quäle Dich nicht um Knie! Knipse einfach drauflos…

Impressionen zur Reise




Die Zeremonie


Ich zahle und erkunde Bac Ha. Die Sonne knallt hier ganz schön auf mich herunter. Ich mache einige Fotos. Eines davon zeigt ein Beet mit Salat. Die kräftig grünen Pflänzchen sehen zum reinbeißen aus. Der Ort allerdings... - direkt neben dem Gehweg und der Straße.

Mir fällt auf, das die Kinder hier sehr aufgeschlossen sind. Immer wenn man sie irgendwo trifft, rufen sie gleich „Hellooo!“ mit einem langgezogenen „ou“ am Ende und lächeln dich an. Einmal kommen drei aus einem großen Tor zu mir gelaufen. Zwei Buben und ein Mädchen. Das Gelände dahinter ist riesig groß und mit schönen Bäumen bepflanzt. Vor und auf einem Hügel, stehen einige Häuser.

Sie grüßen mich und wir plaudern ein wenig. Diese kleinen Wutzln sprechen doch tatsächlich Englisch. Du glaubst es nicht. Dann hole ich meinen Fotoapparat heraus und mache ein Foto von ihnen. Sie haben den größten Spaß, als sie sich in der Kamera sehen. Dann noch ein kleines Filmchen. Auf der anderen Straßenseite sitzt ihre Mutter und beobachtet wohlwollend und lächelnd unser Treiben. Kurz darauf kommen wir ins Gespräch, zu mindest für Small-talk reicht’s. Sehr nett.


Dann entdecke ich auf meiner Fußreise einen Tempel. Vorsichtig und langsam nähere ich mich ihm. Drachen begrüßen mich am Eingang. Drei Stufen führen in so etwas ähnliches, wie ein Vorhaus und im nächsten Moment stehe ich im inneren Bereich des Tempels, der aber nicht überdacht ist. Ich gehe in Respekt und Ehrfurcht weiter. Dann folgt ein überdachter Teil und ganz hinten und über einige Treppen hinauf, ist ein gemauerter, abgeschlossener Bereich. Er ist zu den Treppen hin durch eine circa kniehohe Holzmauer abgetrennt. Ich habe einmal gehört, dass böse Geister solch hohe Barrieren nicht überwinden können und das man nie auf sie steigen darf. Säulen stützen das Dach. Alles ist prächtig und erinnert mich ein wenig an den Tempel in Hanoi. Wieder die vornehmlichen Farben Rot und Gold. In dem offenen überdachten Teil, steht ein präparierter und ausgestopfter Löwe. Hier finde ich auch auf der rechten Seite ein recht geselliges Treiben. Man unterhält sich lautstark, raucht und lacht. Kinder laufen quietschend umher. Links steht noch ein separates Gebäude. Ich möchte zu gerne hinein schauen, gehen doch ständig Menschen ein und aus. Hier wird Verschiedenes in Plastiksäcke gefüllt. Das Einzige, was mir noch in Erinnerung geblieben ist, sind Chipstüten. Ich verlasse den Eingang wieder, da ich mich doch ein wenig so fühle, als sei ich in eine Privatsphäre eingedrungen. Glücklicherweise war mir vorher schon aufgefallen, dass die großen, wild durcheinander aufgelegten Teppiche nicht zum Begehen gedacht waren, so umrundete ich sie.

Meiner groben Einschätzung nach, muss es zu dieser Zeit etwa 12 Uhr gewesen sein. Bevor ich meinen Schritt aus dem Tempel wende, beginnt sich das allgemeine Treiben, auf die Teppiche zu verlagern. Sie ziehen ihre Schuhe aus, stellen sie an den Rand derselben und setzen sich in einem großen Halbkreis auf. In der Mitte sitzt ein Mann, ich denke er ist ein Mönch. Er hat vor sich ein metallenes und ein hölzernes Teil liegen, einfachste Musikinstrumente. Er schlägt sie sehr schnell und dauerhaft. Manchmal hebt er die Lautstärke, um sie kurz darauf wieder zu senken. Er singt dazu und die rund um ihn sitzenden Menschen singen manchmal auch. Diese Zeremonie dauert recht lang.

Ich setze mich, nach herwinkender Einladung, zu den rauchenden und weiterhin laut redenden Männern. Ein umständliches Gespräch beginnt. Mit Händen und Füßen kommunizieren wir uns irgendwie durch das Problem der Verständigung. Das Schöne dabei ist die offene und ehrliche Zuneigung von Mensch zu Mensch. Nach einiger Zeit verabschiede ich mich und verlasse den Tempel. Der Mönch singt noch, die Menschen sind weiterhin um ihn herum.


Irgendwie bin ich müde geworden und steuere mein Hotel an. Wuchtige Holzmöbel im Eingangsbereich bieten mir Ruhe und ein speziell vietnamesischer Kaffee wird bereitet. Durch einen blechernen Filter, tropft langsam die schwarze Brühe in ein Glas. Als nichts mehr tropft, nehme ich den Deckel des Filters ab, lege ihn umgekehrt auf den Tisch und stelle den Filter darauf. Er schmeckt mir sehr gut und die Wirkung lässt nicht lange auf sich warten.


Draussen entdecke ich wieder einen solch zauberhaften großen Schmetterling und es gelingen mir vier relativ gute Fotos von ihm zu machen. So ein flatterhaftes Wesen.

In der Gesamtrückschau verlebe ich diesen Tag recht ruhig und beschaulich; was sollte mich hier auch schon aufregen oder hetzen. Immer wieder treffe ich meine beiden Nachtzügler, ziehe mich zurück, bummel ein wenig, oder setze mich irgendwo hin, trinke etwas und beobachte die Menschen.

Ich schlendere über den Platz, an dem wir aus dem Bus ausgestiegen waren und wer lächelt und geht mir da entgegen? Jawohl, es ist der lustige Begleiter aus dem Bus. Er gibt mir die Hand und führt mich zum Bus und sagt beteuernd, dass er es gar nicht mag, wenn diese Männer die Touristen über’s Ohr hauen und viel zu viel Geld für die Fahrten verlangen. Dann deutet er auf das Schild am Bus und sagt: „Siehst Du? 57.000 Dong und nicht mehr! Also! Morgen um 12 Uhr fahren wir wieder nach Lao Cai. Dann kannst Du bei mir mitfahren!“ Er lächelt wieder, gibt mir die Hand und wir beide wissen, dass wir uns wieder sehen werden.


Nach vielen Stunden, gegen Nachmittag, führen mich meine Schritte wieder am Tempel vorbei und ich fasse es nicht! Die Zeremonie ist noch in vollem Gang. Ich kann nicht anders und trete wieder behutsam ein. Denn von draussen höre ich Musik. Gesang, Trommel und Saiteninstrumente und ein hölzener und metallener Klang ist auch dabei. Schnell hole ich mein Aufnahmegerät heraus, lege es in gebührender Entfernung zur Zeremonie auf eine Ablage. Gerade ist eine Pause und ein neuer musikalischer Anfang. Ich drücke auf Aufnahme und erwische genau den Neubeginn. Ein wenig unwohl fühle ich mich, da ich diese Aufnahme als eine Art Diebstahl empfinde. Trotz dieser Empfindung bleibe ich lächelnd dort wo ich bin und versuche die Fassung zu wahren und gleichzeitig nicht zu stören. Nach einigen Minuten, die wie die unendliche Ewigkeit erscheinen, ist wieder eine Zäsur. Ich schalte aus und packe es in Windeseile ein. Meine Beine und Füße mögen nicht mehr, bin ich doch wirklich viel unterwegs gewesen. Ich suche mir in dem nicht überdachten Teil eine Bank und lasse mich nieder. Nun habe ich die Ruhe, mich vollends der Musik zu widmen und mir ist die Möglichkeit gegeben, zu erlauschen, was für eine Stimmung von ihr ausgeht. Ganz schön schwierig bei dem Trubel um mich herum. Es mutet fast mehr als Volksfest an, zumindest hier draussen, im äusseren Bereich. Ich kann es nicht fassen, bekomme nicht die Empfindung, um klar zu sagen, wie es sich für mich anhört. Es hat etwas Heiliges, Großes, Ernstes, Bittendes und hier draussen auch etwas Fröhliches.

Impressionen zur Reise

Ich treffe drei Forscher


Während ich so in mich und aus mir heraus höre, springinkerln zwei süße Mädchen, schätzungsweise 5 und 7 Jahre alt und ein Bub mit circa 2 Jahren zu mir daher. Wieder das schon bekannte „Hellooo!“ und es folgt eine Flut von englischen Fragen, wer ich sei, was ich mache und so fort. Dann stocken sie ein wenig und beraten sich auf vietnamesisch und ich kann gut heraushören, dass sie etwas nicht Englisch ausdrücken können. Wirklich zu süß! Auf einmal springen sie auf, ein kurzes „Bye!“ und fort sind sie. Ich widme mich wieder dem besonderen Moment der Musik.

Von meinem Platz aus, kann ich nur sehr spärlich erkennen, was im Inneren des Tempels geschieht. Rechts sitzen die Musiker und spielen ihre Instrumente und singen mit meisterlicher Inbrunst ihre Lieder; seit Stunden. Eine große bauchige rote Trommel liegt schräg in einer Halterung, ein kleines Becken liegt am Boden. Er schlägt mit einem harten dünnen Schlegel auf es. Manchmal schlägt er so, dass der Schlegel von alleine zurückhüpft, so kann das Metall etwas nachklingen. Bleibt er allerdings darauf, erstirbt der Ton schnell.

Im mittleren Bereich, sind drei Personen tätig. Stetig und nie enden wollend, kleiden zwei rechts und links von der Hauptperson positionierte Frauen dieselbe in einer vielstufigen Zeremonie mit einer Art Umhang, Schal, Hut und unterschiedlichsten Utensilien, wie zum Beispiel ein Schwert, ein und um. Alles ist unglaublich farbenprächtig. Die mittlere Frau ist eine Schamanin, tanzt und macht mir unverständliche Bewegungen, nachdem sie neu gekleidet ist.

Und da sind sie schon wieder, meine drei kleinen Engelchen. Strahlend begrüßen sie mich erneut. Auf einmal schnappt das rechte Mädchen meine Hand, das linke Mädchen meinen Fotoapparat und ich werde rechts am Tempel vorbei gezogen. Der kleine Bub kommt auch hinterher. Dann geht es auf einmal steile Stiegen hinauf. In unregelmäßigen Winkeln, einmal etwas rechts, dann wieder nach links. Ich sehe einen enormen Abhang, links von uns. Was mir in diesem Moment extreme Besorgnis bereitet, ist der kleine Kerl, der mit Riesenschritten hinter uns her stapft. Was wäre, wenn er stolpert und den Hang hinunter fällt? Ich fühle mich gerade so verantwortlich für die drei. Ich sehe schon von hier aus, dass es kleine kapellenähnliche Stationen, wie überdachte Altäre, auf dem Weg hinauf, gibt. Als wir oben ankommen, führt der Weg geradewegs in einen sehr kleinen Tempel. Das größere Mädchen geht in die Nähe und schreckt sofort zurück und drängt mich, nicht weiter zu gehen. Dort betet gerade jemand. Was für eine wundervolle, sensible Regung eines kleinen Mädchens. Also geht es weiter, nämlich auf der anderen Seite wieder hinab. Auf halber Höhe sehe ich eine junge Frau an einer Station dieses Weges und ich fühle mich unwohl. Einerseits weil ich sie störe und andererseits, weil ich -wie ich schnell herausfinden konnte- mit ihren Kindern da herumkrabbel. Einen Moment verweilen wir, ich lächle mal wieder und dann ziehen sie mich weiter. Unten zeigen sie mir freudig in einem schlatzig grünen Wasser eine ebenso am Panzer begrünte Schildkröte. Auch ein Teil eines etwas größeren Tempels.

Dann geht’s wieder zurück zu meiner Bank. Das größere Mädchen ist drei Schritte vor mir dort und macht mit beiden Händen und Armen, eine elegante, graziös einladende Geste in Richtung der Bank; ich darf und sollte mich setzen.

Als ich dort sitze, stehen die drei fröhlichen Kinder um mich herum. Nun erwacht der Forschergeist in ihnen. Die Älteste greift auf einmal völlig unvermittelt mit drei Fingern nach meiner Nase und betastet sie, nur an der Spitze, danach gleich zur Kontrolle ihre eigene. Sofort folgt das jüngere Mädchen und der Bruder lässt sich dieses Highlight auch nicht entgehen. Ich muss wieder lächeln und kann mich vor Rührung dieser Regungen in diesen Kinderseelen nicht entscheiden, ob ich herzlich lachen, oder unfassbar verstummen soll. Sie haben mein Herz komplett getroffen.

Dann krost die große in einem Papiersäckchen und gibt mir etwas in die Hand. „For you!“, sagt sie. Es ist ein kleiner violetter, von Gebrauchsspuren gezeichneter Laserpointer. Um Himmels Willen! Kann man so etwas annehmen? - durchfährt es mich. Kann und darf man es denn nicht? Was für eine Enttäuschung wäre es für dieses Mädchen gewesen! Und schon kruschtlt sie weiter in ihrem Säckchen und fischt drei goldene Aufsätze, Ersatzaufsätze, falls man einmal einen verlieren sollte, heraus. Ich bin geplättet und ein Dauerlächler macht sich auf meinem Mund breit. Dann hat sie 1000 Dong in der Hand und reicht sie mir. Ich lächle weiter, nehme sie aber nicht an. Ich hole 1000 Dong aus meinem Portemonnaie und reiche sie ihr. Sofort sehe ich die Enttäuschung auf dem Gesicht der Jüngeren. Also noch einen zweiten 1000 Dong Schein. Kaum hat sie ihn in der Hand, gibt sie ihn mir hektisch wieder und bekundet der älteren Schwester, dies auch zu tun. Ich bekomme beide Geldscheine wieder, was mir irgendwie sogar fast lieber war, da gerade die Mutter auftaucht; auch sie lächelt, als sie uns so beisammen sieht. Die Kinder laufen zu ihr und die Mutter gibt der Ältesten etwas. Diese kommt nochmals zu mir und schenkt mir ein kleines Biskuitkeks. Sie gehen und ein „Bye!“ folgt dem nächsten, bis sie verschwunden sind und ich so langsam begreife, was da gerade passiert war. Was für ein unfassbares Geschenk, das mir diese Menschen gemacht haben. Diese bedingungslose Zuneigung!


Ich verabschiede mich wieder von diesem besonderen Ort und gehe in mein Hotel. Die Zeit verstreicht mit weiteren intensiven Wahrnehmungen, die teilweise kleinster Natur sind. So zum Beispiel einfach ein Blick, oder eine Bewegung eines Menschen, Gegenstände, die wir hier bei uns nicht in dieser Art finden. Es gibt so viel, wenn alles anders ist.

Später zieht es mich noch einmal zum Tempel. Es ist gegen Abend und sie sind noch da. Im offenen Teil sitzen, in meiner Erinnerung, drei Männer und genehmigen mir sozusagen mit Gesten, näher an die Zeremonie heran zu gehen. Ich traue mich zuerst nicht und gehe zu ihnen. Die Frage nach dem, was in dieser Zeremonie geschieht erklärt der eine von ihnen. „Wenn jemand Schwierigkeiten und Sorgen hat, kann er diese Zeremonie durchführen lassen, um dieselben zu vertreiben.“ Sie deuten wieder in Richtung des inneren Bereichs und so gehe ich langsam dort hin. Obgleich ich Motive ohne Ende sehe, bleibt der Fotoapparat aus Ehrfurcht in seiner Tasche. Ich tauche völlig in diese Welt ein, mit allem was dazu gehört. Zwei Mal kommt eine Frau auf mich zu und drückt mir einmal 6000 Dong und beim zweiten Mal 4000 Dong in die Hand. Jeder hier Anwesende bekommt etwas, das Geben ist wichtiger Bestandteil, auch um den Gott gut zu stimmen. Ich bin peinlich berührt. Diese Scheine sind geradezu etwas Heiliges für mich. Ich habe sie nach Österreich mitgebracht.

Die Musiker sind völlig in ihrem Element, die drei Frauen auch. Die rundherum sitzenden Menschen lauschen und beobachten das Geschehen. Eine junge auffällige Frau sitzt ausserhalb und klatscht manchmal mit. Ein mittelalterlicher Mann sitzt innen an der kniehohen Holzmauer und raucht ununterbrochen ohne Pause, eine Zigarette nach der anderen. Die neue wird an der verglühenden entzündet. Ausserhalb sammeln sich massenhaft Stummel.

Und dann geschieht für mich etwas Unfassbares. Ein Europäer und seine Frau steigen in den inneren Bereich. Die Frau bleibt irgendwo zwischen den am Boden verweilenden Menschen stehen, die sich gerade in einer heiligen Handlung befinden und der Mann drängelt sich ganz nach vorne durch, positioniert sich direkt hinter dem Altar, vor dem die Schamanin tanzt und der Mittelpunkt der Zeremonie ist. Niemand befindet sich dort und er fotografiert ihr direkt ins Gesicht und alle andächtigen Menschen werden ebenfalls in seinem Apparat gebannt. Volles Unverständnis von meiner Seite.

Dann nach einer weiteren kurzen Zeit, ist die Zeremonie nun tatsächlich vorbei, die Musiker packen zusammen, ich darf noch schnell einen Blick auf das Instrument werfen (er holt es extra noch einmal heraus) und dann löst sich alles auf.

Danke euch allen, dass ich hier bei und mit euch sein durfte. Möge Gott euch beschützen!

Impressionen zur Reise




Stromausfall


Da ich ein wenig mehr gezahlt hatte, als wir nun endlich den Bus von Lao Cai nach Bac Ha nehmen konnten, wollten mich meine beiden französischen Begleiter zur Revanche zum Abendessen einladen. Wir gingen in ein Lokal, von dem sie aus einem französischen Reiseführer erfahren hatten, dass es sehr gut sei. Dort haben wir dann gespeist; ich wählte Frühlingsrollen.

Am Abend gab es eine Musik- und Tanzaufführung, zu der wir nun aufbrachen. Mittlerweile war es auch schon dunkel geworden. Ich hatte noch überlegt, ob ich meinen Fotoapparat mitschleppen soll, oder nicht, hatte mich blöderweise für „oder nicht“ entschieden. Das Handy tat’s auch, allerdings in einer etwas bescheideneren Qualität.

Es waren junge Menschen, die hier tanzten und musizierten und uns einen wunderschönen Einblick in ihre Welt, ihre Kultur zeigten. Immer wenn ich das Instrument „Pi Pap“ spiele, bin ich sofort hier in Bac Ha bei dem jungen Mann, der ein ähnliches Instrument mit Metallzunge und in zwei verschiedenen Größen spielte. So konnte er während des Stückes zwischen ihnen wechseln. Ebenfalls eines der dort gespielten „Instrumente“, war ein Stab, der oben und unten lustige bunte Fäden hatte und irgendwo, leider nicht ersichtlich, Rasselelemente, oder Schellen. Junge Mädchen drehten und formierten sich und schlugen mit diesen Stockinstrumenten in ihre Hände, oder sonst irgendwo auf ihren Körper.

Etwas später machte man in der Mitte des Platzes ein Feuer. Ich hatte mich schon kurz vorher gewundert und gefragt, woher auf einmal der Benzingeruch kam. Jetzt war es mir klar. Einige Tänzer schnappten sich Zuschauer und gingen mit ihnen im Kreis, bis fast alle dabei waren. Dazu gab es gut hörbare Musik auf einer Trommel und einem mit metallenem Schlegel geschlagenen Gong und mindestens ebenso enthusiastisch gespielte Becken. Ohrenbetäubend, wiederholend ohne Ende und ganz schön Blutkreislaufanregend!!

Dann wollte ich die beiden noch auf einen Drink irgendwohin einladen. Plaudernd gehen und gehen und gehen wir und es kommt uns so vor, als hätten wir ganz Bac Ha durchquert.

Was man hier immer wieder sieht, sind Sterne und dergleichen, die die Straßen leuchtend schmücken. Sie sind noch Überreste des Jahreswechsels in Vietnam. Das neue Jahr wurde hier am 8. Februar 2016 begrüßt. Irgendwie hat unser nächtlicher Spaziergang etwas Weihnachtliches; sehr seltsam in dieser Hitze.

Das Einzige, was es hier nun gerade gar nicht gibt, ist irgendein Lokal, das offen hat. Also bleibt nur eines: ab nach Hause ins Hotel. Zwar ist es tagsüber irrsinnig heiß und durch die hohe Luftfeuchtigkeit sehr schwül, aber irgendwie bin ich wirklich froh, dass ich meine Jacke und den Mantel mitgenommen habe. Es ist nicht so richtig kalt, aber doch kühl genug, sich vorstellen zu können, demnächst eine Jacke zu nutzen. Und hier sind wir nur auf 900 Metern Seehöhe! - wie würde das erst auf 1600 Metern sein?

Als ich mit Mrs. C. und ihrer Mutter nach Hause komme, geht geschätzte 200 Meter vor unserem Hotel das Licht auf der Straße aus. Das hätte man uns aber schon sagen können, dass um diese Uhrzeit (circa 22:00 Uhr) die Straßenbeleuchtung abgeschaltet wird. Es ist wirklich verflixt dunkel. Keine, aber auch gar keine Spur von irgendeiner Lichtquelle. Es ist schlagartig stockdunkel. Gerade eben haben wir noch einen schwarzen, herumstreunenden Hund vor unserem Hotel gesichtet, der sicherlich nach etwas Fressbarem Ausschau gehalten hat. Ich bin auf jeden Fall zu mager! Wie gut! Aber: war da nicht irgendwas mit herumstreunenden Hunden? Hatte ich da nicht mal was gehört? Ich glaube mich zu erinnern, dass mir der Tropenspezialist dieses laute Alarmgerät empfohlen hatte. Nun ja! - ich bin heilfroh, dass ich gerade nicht alleine unterwegs bin, ich Held! Und es hat auch nur wenige Sekunden gedauert, bis ich mein Handy heraus gekramt und die integrierte Taschenlampe aktiviert habe. Wir wundern uns kurz, ich behalte den Hund im Auge, gerade wird das große Schiebetor zum Parkplatz zugeschoben; wir kommen gerade noch hinein. Was wäre gewesen, wenn wir etwas später gekommen wären? Hätten wir rufen, oder über das Tor klettern müssen? Beides wäre sehr unkomfortabel gewesen, vor allem bei der Dunkelheit. Oder schläft gar ein Hotelangestellter in diesem kleinen Minihäuschen, das seitlich vor dem Hotel steht und wenn man zu späterer Stunde heim kommt, öffnet er das Tor? Es ist gerade einmal so groß, dass ein Bett hinein passt. Wir schlupfen bei der Hoteleingangstüre durch, hier ist man für diese abendliche Situation perfekt ausgerüstet und hat schon sehr helle kleine und eigentlich unangenehm blendende portable Lampen aufgestellt. Irgendwie hat es den Charme einer Improvisation. Wir begrüßen die Angestellten und anscheinend gerade neu eingetroffenen Gäste und wünschen gleichzeitig eine gute Nacht und verlassen die Rezeption. Meine französischen Freunde verlassen mich und steigen die erst mögliche Treppe hinan - die Glücklichen. Bei mir geht’s noch ein Stück weiter, drei Stufen nach rechts, dann links und wiederum links über eine Treppe, zwei Stockwerke höher. Während ich mich darüber freue, die Taschenlampe meines Handys zu haben, höre ich im Aussengelände mindestens zwei sich anfeindende Hunde. Hm! - wie schön, dass ich nicht mehr auf der Straße bin, obgleich bei meiner Ankunft ständig irgendwo ein ziemlich phlegmatischer Hund schlief, oder herumlungerte. Mein Gemütszustand hebt sich deutlich, als ich die Türe hinter mir schließe und niemandem draussen begegnet bin. Hier wartete nun die nächste Herausforderung. Kein Strom! Das sind wir einfach nicht gewohnt; erst recht nicht um die Zeit und schon gar nicht im Urlaub. Draussen höre ich immer wieder die Hunde, egal; hier drinnen werde ich keine Probleme mit ihnen haben. Es ist mir für die Nachtruhe noch viel zu früh, so überlege ich, was ich machen kann, diesen Umstand zu ändern. Ich beschließe ins Bett zu gehen, allerdings mein Aufnahmegerät mitzunehmen und noch etwas zu den Ereignissen aufzunehmen. Haargenau als ich das Aufnahmegerät einschalte, gibt es wieder Strom. Das Licht geht an und die Klimaanlage fängt an zu rappeln. Ich bin völlig verdattert, kenne mich hinten und vorne nicht aus und sage: „Was ’n jetzt los? - - So! - jetzt ist grad ’n Wunder geschehen! - - Tsss! - das gibt’s ja gar nich! - Gibt’s echt nich! - Tsss! - - Also das das ausgerechnet jetzt passiert, ist echt der Witz!... - - und im Hintergrund hört man übrigens die Klimaanlage und... - ich hab irgendwas zwischen den Zähnen!“. So beginnt die Aufzeichnung für diesen Tag in Bac Ha. Es ist circa 22:30 Uhr und ich bin extrem müde. Einige Sekunden später vermerke ich, als ich mich auf das Bett setze: „Wow! Ist das ein Hammerbrett! - Eigentlich meinte ich Hammerbett, aber eigentlich passt Hammerbrett viel besser; - noch nie habe ich auf einem so harten Bett geschlafen!“

Langsam wird’s ein bisschen kalt und ich ziehe es in diesem Moment vor, aus dem Bett zu steigen und die Klimaanlage auszuschalten und da es jetzt wieder Strom gibt, geht das Handy zum Aufladen ans Netz. Es dauert ein Weilchen, bis ich die Fernbedienung für die Klimaanlage finde, dann passt wieder alles.

Die Funzel an der Wand in extremer Höhe, bringt circa 5 Watt Leistung auf. Besser als nix ist sie allemal, aber duster ist sie schon. „Vielleicht finden mich ja die ollen Moskitos nicht, in dieser Dunkelheit“, denke ich kurz. Es gibt in den Türen nämlich breite Ritzen und das Fenster im Bad ist nicht verschließbar, da es rechts und links in der Mitte nur einen Pin besitzt. Wenn man es öffnen möchte, kippt man den unteren Rand einfach hinauf und der obere Teil zeigt nach aussen; das Fenster ist nun in einer waagerechten Stellung. „Schließt“ man es wieder, bietet es überall ringsum genügend Platz, einer meiner Phantasie entsprungenen Elefantenmücke, Einlass zu gewähren und sich an mir zu laben und ein Mahl zu nehmen… rundherum gibt’s Luft.

Da es nach so kurzer Zeit wieder Strom gab, ist es also eher ein Stromausfall gewesen, als ein tägliches Stromabschaltmanöver. Daher auch die improvisierte Stimmung in der Empfangshalle. Allerdings scheinen sie drauf eingestellt zu sein.

Natürlich blieb vorerst die Frage, wie wohl das Aufnahmeergebnis der letzten Nacht geworden ist, sozusagen, was mich akustisch in Österreich erwarten wird, offen. Der Grund ist eine enorme Müdigkeit, die allerdings erst im Bett ihre volle Wirkung erlangte. Und es ist zu einem sehr hohen Prozentanteil, genau so, wie ich es mir vorgestellt und ausgemalt hatte. Das was ich nicht zu hoffen wagte, nämlich, dass doch die eine oder andere vernünftige Information darauf zu finden sein würde, traf tatsächlich zu, denn es gab sehr wohl helle Momente meines nächtlichen Daseins. Trotzdem muss ich gestehen, dass der Großteil dieser weit über eine Stunde dauernden Aufnahme, von tiefem, manchmal auch geräuschhaftem Atmen belegt wurde. Der dritte Teil birgt sehr spezielle Erkenntnisse, die mir weitgehend nicht bekannt waren. So zum Beispiel eine Aussage direkt nach einem Nickerchen: „Ok! Ich habe jetzt vielleicht kurz eine Pause gemacht und geschlafen, auf jeden Fall bin ich in Deutschland geboren und arbeite jetzt hier in Hanoi!...“. - - Sehr interessant! Nur zu blöd, dass ich vergaß zu erwähnen, wo in Hanoi. Keine Ahnung!

Als ich dann tatsächlich Schluß mache, sage ich noch höflich: „Bin gespannt, was da drauf ist. Vielen Dank für’s Zuhören!“

Impressionen zur Reise




Sonntagsmarkt


Am nächsten Morgen bin ich sehr zeitig aufgestanden, um den Einzug der Bauern und Händler nach Bac Ha zum sehr bekannten und riesigen Sonntagsmarkt nicht zu verpassen. Ich hatte es mir ausgemalt, wie einmalig es sein müsste, wenn sie mit ihren Tieren, besonders den Büffeln, hier eintreffen würden.

Eine Schar von munter und wunderschön singenden Vögeln erweckte mich aus tiefem Schlaf. Ich konnte sie, ob der vielen Schlitze in Türen und Fenstern, sehr genau hören. Schnell war ich bereit und trat zu früher Stunde in einen überaus diesigen Morgen Vietnams.

Ein riesiger Käfer lag auf dem Rücken vor meiner Tür. Und ein Vogel hatte mir auch ein Geschenk gemacht…

Ich ging auf die Straße und schaute mich gleich einmal um. Hier war noch nichts von Büffeln zu sehen. „Nun ja; ich gehe am besten mal zu dem Platz, wo der Markt sein wird“, dachte ich mir. Die Straße vor dem Hotel hinauf, an dem kleinen Platz vorbei, wo ich gestern „gefrühstückt“ hatte und auf der anderen Seite wieder hinunter. Noch immer nichts. Nur vereinzelt trafen sie verschlafen ein. Mit der Zeit realisierte ich, dass mein Bild des weit gegangenen und in aller Frühe aufgestandenen Bauern, wohl etwas zu unrealistisch gewesen war, kamen doch all die Menschen mit Mopeds. Ach wie unromantisch. Und ganz tief in meinem Herzen freute ich mich mit ihnen, dass sie es so praktisch hatten.

Irgendwann bin ich dann einmal im Hotel frühstücken gegangen. Und als ich von diesem nicht gerade umwerfenden Mahl zurückkam, strömten sie von überall her. Da fand ich mein Bild, das ich mir von hier gemacht hatte, doch noch. Ich würde sagen, dass neunundneunzig Prozent der Menschen traditionell gekleidet sind, in ihrer so wundervollen Tracht, bunt und aus kräftigen Stoffen gearbeitet. Und sie zogen auch ihre Tiere hinter sich her, die ihnen geduldig folgten und brachten Hab und Gut zum Marktplatz. Dort regt sich alles in müder Stimmung. Geschäftig wird hin- und hergebracht was ein jeder so braucht, ein Motorrad weggeschoben, lautstark zum Kauf eines Kaffees aufgefordert. Es ist besonders hier; jetzt grad, bevor alles losgeht, bevor alles geordnet dort ist, wo es hingehört und der sich in die Szenerie mischende Dunst sich zugunsten der grellen Sonne und des blauen Himmels, hebt.

Ich schlendere durch dieses Überangebot, bleibe stehen, plaudere mit den Menschen, fotografiere und kaufe auch ein wenig ein. Zwei Hemden der Hmong und eine leichte lange schwarze Jacke der Lu (die im Norden an der chinesischen Grenze leben), mit vielen nicht verschließbaren Knöpfen, machen den Anfang. Ich glaube, dass sie aus Leinen gearbeitet sind. Gefärbt sind sie mit einer Pflanzenfarbe (Indigo), die mir hier in Österreich so einige Aufgaben stellt. Einen Tag nach meiner Rückkehr, ziehe ich eines der Hemden an. Überall wo ich auftauche, glotzt man mich an, als sei ich aus einem anderen Universum hier erschienen, dabei kennen sie meinen Spitznamen ja gar nicht. Nach einiger Zeit bemerke ich auf meinem roten Hemd gewisse schwarze Umfärbungen und beschließe, wieder zu meiner traditionellen Kleidung zurückzukehren. Die Jacke habe ich gefühlte hunderttausend Mal mit der Hand gewaschen und erkennen müssen, dass dies wohl eine Endlosaufgabe ist. Die herausgewaschene Farbe ist ein sehr dunkles Blau. Der Stoff erscheint für das Auge allerdings schwarz.

Ich schaue und begutachte und die junge Verkäuferin holt aus hoher Höhe mit einer langen Stange, all die Kleidungsstücke zu mir herunter. So mittelspannend fand ich es, als ich ihr bei dieser Tätigkeit zuschauend bemerkte, dass in dem Moment, als sie das Kleidungsstück dort oben bewegte, Massen von Mücken Reißaus nahmen. Viele kamen mit der Jacke herabgeschwebt.

Mein Weg führt mich von Stand zu Stand. Einmal bedrängt einen jemand und möchte einen überzeugen, dass ein bestimmtes Produkt, höchste Priorität im Leben und zu vollendeter Glückseligkeit führen könne. Andere nehmen einen gar nicht wahr, da es etwas Spannenderes gibt, als einen Touristen; schließlich ist man modern und beschäftigt sich intensiv mit weiß-der-Himmel-was. Sie wischen und glotzen und ihr leerer Blick deutet darauf hin, dass sie von diesem kleinen technischen „Alleskönner“, in seinen Bann gezogen und dadurch komplett aus diesem prallen, farbenprächtigen Leben „entfernt“ wurden; sie sind einfach nicht da. Sie verpassen gerade das Leben. Aber sie sind jung und lieben die Ablenkung.

So lande ich bei einer mittelalten Frau mit Tochter. Sie hat gerollte Leinenbahnen dort liegen. Ich erkundige mich nach dem Preis und sie entrollt gleich voller Eifer eine nach der anderen. Das geht so schnell, dass die Zeit nicht gegeben ist, dass ich ihr klar machen kann, dass ich keine großen schneiderlichen Ambitionen hege, sondern einfach nur ein Stück Leinen und somit gerne ein kleines, erwerben möchte, da mir diese Webkunst und der Stoff gefällt.

Als ich gewählt hatte, bekam ihre Tochter die undankbare Aufgabe, all das Leinen wieder in schön gewickelte Rollenformen zu bringen, die Arme.

Dann hörte ich schon von der Ferne den typischen eigentümlichen Gesang der Hmong. Mich fasziniert er und ich höre ihn sehr gerne. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass ich gleich einmal dort auftauchte. Der Stand war groß. Dahinter waren ältere und jüngere Menschen, die den Anschein auf mich machten, dass sie eine Familie seien. Ein kräftig gebauter fröhlicher Mann, sitzt vor einem portablen DVD-Player und will glaube ich gerade eine andere DVD einlegen. Aus dem Gerät plärrt es nicht gerade sehr dezent. Ich frage nach dem Preis, der wild durcheinander liegenden Scheiben. „25.000 Dong“, sagt er. Besonders der ältere Herr fällt mir auf, da er über mein Interesse sehr amüsiert ist. Ich kaufe sie und freue mich sehr, sie gefunden zu haben.

Zurück aus Vietnam, habe ich sie mir mit meinen Eltern angesehen. Das vornehmliche Problem ist nun, dass wir in keinster Weise wissen, worum es hier geht. So sitzen wir da und lauschen der Musik und wundern uns auch ein wenig, da wir keinen Zusammenhang ausmachen können. Würde uns jemand den Gesang übersetzen, bin ich sicher, dass ich begeistert wäre.

In erhöhter Position thronen die Büffel. Sie stehen und liegen träge in der Gegend herum, haben einen Ring durch die Nase gezogen, an dem eine Schnur befestigt ist, die wiederum um einen großen Stein geschlungen ist.

Ich schätze, es war die damenhafteste Dame unter den Büffelinnen, die sich zu früher Morgenstund’ für den Markt hergerichtet hat. Es ist ein zartrosaner Büffel, ein Albino.

Die steile Stiege hinunter, an dem Federvieh und den Hunden vorbei, komme ich zu dem Stand, wo sie die typischen Besen, die ich immer wieder und überall gesehen habe, verkaufen. Von ganz klein, bis zum normalen Straßenbesen. Er hat an der einen Seite kürzere Borsten aus einer Pflanzenfaser, die bis zur anderen Seite strahlenförmig länger werden, sodass man eine wirklich gute Fläche zum Kehren erhält.

Auch überlange, schätzungsweise 70 Zentimeter messende Räucherstäbchen und die speziellen geflochtenen Korbboxen zum Tiertransport, zum Beispiel für Hühner oder Welpen gibt es hier.

Ein Stück weiter, habe ich etwas schönes entdeckt und wunderbares erlebt. Ein Schmied hat allerhand Gerätschaften wie Sensen, Harken und so fort, auf einem Verkaufstisch aufgebreitet. Und eine große Anzahl von Büffelglocken, liegt übereinander geschüttet dort. Meine Motivation, welche ich von diesen sehr schön klingenden Glocken kaufe, lag bei der Größe, da ich sie ja im Koffer mitnehmen musste. Dort stand gerade auch ein Bauer mit zwei Glöckchen in seinen Händen und läutete erst die eine; nachdem diese verstummt war, die andere, dann wieder die erste, dann die zweite und wieder und wieder. Was für ein lieber Bauer, der die eine und einzige und beste und schönste Glocke, für seinen Büffel kaufen wollte. Ich wäre wahrscheinlich nur hingegangen, hätte nach dem Preis gefragt und gesagt, sie solle mir eine einpacken. Wirklich rührend.

Direkt neben der Dorfstraße liegen Berge von Zuckerrohrstangen. Sie haben einen Durchmesser von circa vier Zentimeter. Dort konnte man sich ein etwa 25 Zentimeter langes Stück kaufen. Ich habe Menschen gesehen, die die dunklen Stangen mit den Zähnen schälen, manchmal macht das auch der Verkäufer mit einem machetenähnlichen großen Messer und dann beißt man einfach ein Stück ab und kaut und kaut und kaut solange auf ihm herum, bis nur noch die Faser über bleibt. Dann spuckt man es vor Ort einfach dort aus, wo man gerade ist. Zu dumm, dass ich mir nicht ein solches gegönnt habe.

Hier in Österreich zurück, fand ich kurze Zuckerrohrstangen in einem Bioladen, kaufte eine und hatte sowohl beim Schälen, als auch beim darauf herum kauen, meine liebe Mühe. Vielleicht ist er ja, wenn er frisch ist lecker; wenn er in Vietnam genau so schmeckt wie hier, brauch ich nicht unbedingt Zuckerrohr.

So oft sieht man - und das fällt mir extrem hier im Norden bei der ländlichen Bevölkerung auf - junge Mütter, die eigentlich noch selber Mädchen sind, mit ihren Kindern am Rücken herumlaufen. Sie sind wirklich jung.

Impressionen zur Reise




Sa Pa


Kurz vor 12 Uhr am Mittag, komme ich bei brütender Hitze wieder beim Bus an. Mein „Freund“ ist auch schon da und winkt mich hektisch zu sich, ich brauche eine kurze Pause und setze mich auf ein kleines Mäuerchen vor dem Tempel in den Schatten. Bloß noch nicht in den Bus. Schwitzen tu ich schon und werd ich noch. Er wedelt weiter mit der typisch nach unten hängenden Hand; ich deute mit beiden Händen zurück: ‚Nur mit der Ruhe!’ Dann der Witz: er kommt zu mir und sagt, ich könne schon einmal bezahlen; 67.000 Dong. Ich schaue ihn an und sage, dass er doch gestern gesagt habe, dass es 57.000 Dong koste und das dies der Grund sei, warum ich da sei. Er jammert, es ist ihm gar nicht recht, aber er hat ja keine Chance, 57.000 hatte er gesagt und erinnert sich auch wieder dran… Ich gebe ihm 60.000. - - Waschen hier auch die einen Hände die anderen?

Nachdem er nun mein Fahrgeld erhalten hat, würde ich allzugerne vorne sitzen um noch einige Fotos machen zu können. Nein, er setzt mich neben eine Hmong in der vorletzten Reihe. Er stibitzt ihr ihren schwarzen traditionellen Hut und mir meine Kappe und setzt mir ihren Hut auf. Sie lächelt und er unterhält den ganzen Bus. Mir ist es etwas unangenehm, da er in meiner Sicht eine Grenze dieser lieben älteren Frau überschritten hat; sie nimmt’s mit Fassung hin.

Immer mehr Menschen steigen zu und sie bringen teilweise viel und teilweise große Gegenstände mit. Alles wird irgendwo und irgendwie verstaut. Er macht das schnell und nett. Niemals ist er ärgerlich. Einmal sieht er, während er gerade aussteigt, dass ich ein Foto von ihm machen möchte und kommt extra die Stufen wieder herauf und macht eine grüßende Geste mit der Hand am Kopf und lächelt. Auf diesem Bild sieht man ein wenig den Schelm in ihm.

Manchmal sitzen Gäste auf Säcken im Gang, in dem ein Fahrgast irgendetwas transportiert. Bei uns hinten ist’s echt schon voll, da dort auch ein riesiger Ventilator in der letzten Reihe untergebracht ist. Egal, einer passt schon noch hin. Klar, der quetscht sich irgendwie zwischen die anderen. Nachteil für mich: ein Rad des Ventilators drückt sich liebevoll an meine Schulter; wie angenehm. Dann kommt doch noch in letzter Minute vor der Abfahrt meine Rettung, in Form eines Mannes mit Tochter. Der Mann wird in alter Tradition, auch noch in der letzten Reihe untergebracht. Bevor er sich allerdings dort hinten verdrückt, wird der Ventilator kurzer Hand am Dach verstaut. Für das Mädchen ist nur noch die kleine Stufe neben mir im Gang frei. Ach wie toll, nun friere ich wenigstens nicht in der Hitze und Schwüle. Wunderbar! Nun sitze ich zwischen einer alten und jungen Frau. Die ältere wäre bestimmt lustig und aufgeschlossen, könnten wir miteinander kommunizieren. Wäre sie doch nur um schätzungsweise dreißig Jahre jünger, oder die Junge um dreißig Jahre älter. Das ist unfair!


In Lao Cai muss ich umsteigen. Der Bus steht schon bereit. Ich setze mich in die erste Reihe, mitsamt meinem wirklich unhandlichen Gepäck. Neben mir der Platz ist frei, doch weiß ich nicht genau, ob ihn nicht jemand reserviert hat, liegt doch auf ihm ein dünner Plastiksack mit Obst. Leider habe ich die Obstsorte vergessen, erinnere mich nur, dass es runde Kügelchen waren; bei uns auch bekannt. Es ist wieder irre heiß. Ein junger Mann steigt ein, schnappt das Obst am Nebensitz und nimmt dort Platz. Er ist dreckig und schwitzt und dünstet dementsprechend aus, macht aber nichts. Naja, ein Duftstangerl werde ich zu dieser Zeit auch nicht gerade gewesen sein. Ihm gehört das Obst einmal nicht, da er es einfach auf den Boden legt. Ich gebe die Anregung, es zu verknoten, da sonst das gesamte Obst im ganzen Bus herumkullern würde. Er findet die Idee anscheinend auch sehr toll.

Ich glaube mich zu erinnern, dass es ein Europäer war, der sich beschwerte, dass der Busfahrer bei der Abfahrt das Fenster offen hatte. Ich nehme es, wie es kommt. Da bin ich wirklich unkompliziert. Klar ist es nicht gerade kühl und eine sanft eingestellte Klimaanlage wäre nicht einmal so unangenehm gewesen. Allerdings nach recht kurzer Zeit sind wir durch Lao Cai durch und die ersten ansteigenden Windungen, nehmen unseren Bus auf. Je weiter wir hinauf kommen, um so angenehmer wird das einströmende Lüftchen.


In Sa Pa, dem Ort, der auf 1600 Metern liegt, angekommen, suche ich mein Hotel, laufe erst in die falsche Richtung, bin echt kaputt. Dann hab ich’s endlich gefunden. Die überaus nette und hilfsbereite Frau an der Rezeption erbittet die Reservierungspapiere. Ich fische sie heraus und bin etwas irritiert und peinlich berührt, sind doch die in der unteren Hälfte des Rucksacks und noch zusätzlich in eine Gürteltasche gesteckten Papiere, wirklich feucht. Da raschelt nichts mehr. Wie in Wasser eingelegt und nachher ausgewrungen; unfassbar. Selbst im Rucksack lässt sich die hohe Luftfeuchtigkeit Sa Pa’s nieder.

An Mr. T. hätte ich jetzt gerne geschrieben: „Lieber Mr. T.! Sa Pa ist gar nicht kalt, nämlich überhaupt nicht! Es ist heiß, sehr heiß und schwül und die Sonne prasselt auf uns hernieder! Wir hocken hechelnd wie gehetzte Hunde im Schatten! Nur zu deiner Info!“ Mann, waren diese Jacke und der Mantel lästig! Hätte ich sie bloß im Koffer gelassen! Alles wäre gut gewesen! Allerdings muss ich fairerweise dazusetzen, dass ich vorher in Österreich von einem erfahrenen Weltreisenden gehört hatte, dass er in Sa Pa ganz schön gefroren hatte und Mr. T. war auch schon oft dort... so hatte ich einfach nur Glück. Ich genoss die Wärme und nahm sie ganz bewusst wahr. Im April in einem Gastgarten sitzen... alles ist gut!


Sie sind hier überall und lauern dir auf. Junge Frauen und Mädchen. In ihrer Tracht sehen sie wirklich süß aus. Die meisten sind schwarz angezogen, sie sind Hmong. Sie kommen zu dir und fragen die üblichen Fragen, lächeln die ganze Zeit und ihr Sprechen ist eher ein eigentümlicher Singsang der am Ende des Satzes -jeden Satzes!!- einen länger angehaltenen, leicht schwingenden Ton beinhaltet. Einer der beliebtesten Sätze ist: „Bye one for meeeee!“ Hä? Ich soll was für sie kaufen? Aber wahrscheinlich gehört das zur besseren Verkaufstaktik. Denn an und für sich, sprechen sogar ganz kleine Mädchen und Jungen sehr gut englisch und sollten daher den Unterschied zwischen „for“ und „from“ kennen. Eine auch immer wieder gehörte Wortkombination ist „same, same!“. Ich weiß, dass same: gleich heißt, trotzdem war ich mir nicht ganz sicher, ob es nicht ein vietnamesisches Wort sei, da es zeitweise so ganz und gar nicht passte. Anderen Vietnamreisenden ist das auch aufgefallen. Irgendjemand hat mich später aufgeklärt, dass es schon „gleich“ heißen soll...

Das man mit ihnen so einfach in Kontakt kommt, ist zuerst einmal ganz lustig, nach einiger Zeit aber auch leicht nervig. Es ist nämlich so, dass sie sich anscheinend zum Ziel gesetzt haben, dass der Auserwählte (und das ist jeder Tourist), so lange „besungen“ wird, bis er irgendetwas gekauft hat. Und sie wissen alles. Mir hat einmal eines dieser Mädchen gesagt, ich solle ihr doch biiiiiiitte etwas abkaufen, nur ein kleines Täschchen, das sie selber gestickt hat und gar nicht teuer wäre, hätte ich doch neulich in einem Geschäft 400.000 Dong ausgegeben. Woher wusste sie das? - Es waren zwei Paar silberne Stäbchen, die ich dort erstanden hatte. Sie sollen circa 150 Jahre alt sein und sind wirklich sehr schön gearbeitet. Zum Vergleich zeigt er mir andere Stäbchen. Viele in weitaus schlechterer Ausführung. Das Metall ist eindeutig kein Silber und die Verzierung ist grob und ungenau. - Das Geschäft, in dem ich sie erworben hatte, war über eine hohe steile Treppe zu erreichen. Die jungen Frauen konnten gar nicht gesehen oder gehört haben, dass ich 400.000 Dong bezahlt habe. Merkwürdig!

Immer wieder passiert es in den Geschäften, dass sie die gekaufte Ware einpacken und dann mit Massen von breitem Klebeband verkleben. Das Einzige was das bringt ist, dass du dich beim auspacken ärgerst. Sie sind unglaublich flink darin. Ich stoppe sie meist noch rechtzeitig.

In der Nähe des Hotels gibt es eine Straße, die leicht bergauf geht. Dort sitzen sie gemütlich am Boden des Gehweges und warten auf Kundschaft, haben ihr Hab und Gut dort ausgebreitet. Es gibt eigentlich keine Grenzen, sodass ein Bereich in den nächsten übergeht. Kaufst du bei einer etwas, meldet sich die nächste bereits an: „Wenn Du da fertig bist, kaufst Du bei mir was!“ Und dann gehst du und wirst weitergereicht und gelockt und verführt, bis du am Ende der Straße umkehrst, bepackt und lächelnd ein weiteres Mal an jedem vorbeikommst.

Ich habe mir ein Metallarmband bei ihnen gekauft. Sie sind auch Hmong. Der Vater der einen Frau hat es gearbeitet. Es wird versichert, dass es nicht anläuft. Doch schon nach ganz kurzer Zeit bemerke ich, dass mein T-Shirt am Ärmel grün gefärbt wird. Ich nehme es ab. Wird wohl ein reines Museumsarmband! Es ist sehr straff an meinem Handgelenk und lässt sich kaum öffnen, was mit „verbiegen“ am besten beschrieben ist. Angelaufen ist es allerdings bis heute nicht. Was für eine überaus merkwürdige Qualität!

Bei ihnen erwarb ich auch einige kleine Täschchen. Einmal schwankte ich zwischen zwei ähnlichen. Die Verkäuferin riet zu der einen, ich tendierte aber zu der anderen. Dann kam eine Kollegin und meinte auch, ich solle die erste nehmen, die andere sei an der Umhängeschnur leicht eingerissen, sonst müsse sie es kurz nähen. Ich ließ sie nähen. Ging ganz schnell.


Folgender Gruß fliegt per Mail nach Hause: „Ich sitze gerade im Zentrum von Sa Pa, sehe in sehr naher Nähe mein Hotel und auch meinen Balkon. Im Internet kannst Du unter „usapa hotel“ sicher mein Hotel finden. Ich wohne hinter dem dritten Balkon unten (1.Stock) rechts. Da wo die Vorhänge aufgemacht sind. :) Wenn man das, was ich hier meistens höre, bei uns hören würde, würde man denken, da heiratet wer, allerdings in der ganzen Stadt, beziehungsweise im ganzen Land, beziehungsweise in den Orten, wo ich war!! Es hupt immer! Hier werde ich sicher Knie finden... laufen jede Menge herum. Der Markt in Bac Ha ist tatsächlich gigantisch! Ein Büffel hat meine Fototasche im vorbeigehen gestriffen; hat wohl ein Schlammbad zuvor genommen, Ferkel; arme Fototasche! Gerade lief ein etwa zweijähriges Kind vorbei, in Tracht und am Rücken hatte es ein Baby, auch in Tracht; zu süß. Hier ist es schon sehr touristisch, ständig quatscht einen eine Gruppe von Frauen an, ob man nicht etwas kaufen möchte. Ein Mädchen holte, nachdem ich meine Dan Moi Maultrommel spielte, ihre heraus und meinte, ob wir tauschen. Ich sagte zu, sie probierte meine und wollte dann doch ihre wiederhaben! Die Fahrt war extrem heiß, schon tagsüber brennend. Die Kamera wurde bedenklich heiß, selbst im Schatten gut warm. Hier bin ich ja jetzt auf 1600 m Seehöhe. Jetzt ist es schon frisch hier, aber nur deshalb, weil es tags so extrem heiß war. Es ist super. Ein lauer Abend. 19 Uhr!! 10. April 2016!! Mann werde ich das missen!!!! Das Zimmer ist sehr schön. Ich muss nicht unbedingt „authentisch“ übernachten!! bullabulla!“


Ein ebenfalls gerne rezitierter Satz ist auch, nachdem man ihr nichts abgekauft hat: „I follow you, forever!“ Eines Abends, nach kurzer Unterhaltung, höre ich diesen Satz auch wieder. Ich sagte ihr, dass ich nichts kaufen möchte und ausserdem gerade auf dem Weg zum Bankomat sei. Das scheint sie nur noch mehr zu motivieren. Nun gut, wenn sie mag, soll sie mir doch folgen. Allerdings das mit dem „für immer“ müssten wir dann vielleicht doch noch einmal gesondert verhandeln. Ich starte meinen Weg, die relativ steile Straße hinauf, in zügigen Schritten, da ich eigentlich auch ihre kurze Bekanntschaft nicht vertiefen wollte. Und da ist sie auch schon weg. Naja, dann hat sich das auch erledigt.

Ich entnehme dem Bankomat das ausgespuckte Geld und komme aus der kleinen Kabine heraus; - - Wer steht da und wartet, völlig ausser Atem? Meine „forever“. Sie möchte dies und fordert jenes, ohne zu bemerken, dass mein momentanes Interesse, man könnte sagen, diametral zu ihrem steht. So versuche ich es mit sanften, aber doch deutlichen Worten, die ihr klar machen sollen, dass unserer gemeinsamen Zukunft doch einige Hürden im Weg stehen. Da sprudeln doch die unmöglichsten und hier nicht zu wiederholenden Schimpfworte, aus diesem Persönchen, dass Du’s nicht glaubst. So trennen sich unsere Wege für diesen und auch alle folgenden Abende, sozusagen „forever!“.


Fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich auch sehr schöne Sachen von ihnen gekauft habe. Manchmal allerdings scheinen sie zu glauben, dass wir „Opfer“ doch allzu dumm sind und erzählen, dass sie zum Beispiel ein Tascherl selber gestickt haben, das selbst ein ungeübter Mann als maschinell hergestellt erkennen kann. Eine Frau gab auch einmal zu, dass sie auch Ware aus China habe.


Eines Abends bin ich, einerseits von den vielen bettelnden Mädchen, als auch von feuchter Hitze und eigener Umtriebigkeit, echt schlapp, suche etwas, wo ich mich hinsetzen und den Abend ausklingen lassen kann. Ich gehe die Straße von meinem Hotel aus hinunter und möchte nur noch in Ruhe gelassen werden. Kaum jemand ist auf der Straße zu sehen, wenige Touristen. Die Frauen sind wahrscheinlich heim gegangen. Da höre ich ein zartes Stimmchen von der Seite; bittend. In einer Nische eines Geschäftseinganges, durch zwei, drei Stufen erhöht, sitzt eine alte Frau, eine Red Sao. Sie begrüßt mich und bietet mir, in ihrer stillen, bescheidenen Art, ihre Waren und bittet mich etwas zu kaufen. Sie hat eine wundervolle Ausstrahlung. Ich schiele einmal kurz über das was sie da so am Boden ausgebreitet liegen hat und mir sticht direkt ein klein zusammen gefaltetes Tuch ins Aug. Sie entfaltet es und es ist wunderschön. Ihr Preis: 500.000 Dong; 20 Euro. Handeln muss sein, sonst bist du in ihren Augen wirklich dumm. Wir nähern uns und enden bei 400.000 Dong; 16 Euro.

Hüpft doch justament in diesem Moment ein schätzungsweise zehnjähriges Mädchen daher und stellt sich als Dolmetscherin zur Verfügung. Gewisses kann die alte Frau nicht richtig ausdrücken. Auf einmal übersetzt mir das Mädchen: „Die Frau kommt aus Dojing. Sie hat mir gerade gesagt, dass sie an diesem Tuch, ein ganzes Jahr gearbeitet hat!“ Wieder einmal kann ich nicht fassen, was ich höre und ein riesiges Chaos macht sich in mir breit. Meine Gefühle werden durch den Vergleich zweier sehr unterschiedlicher Kulturen, völlig durcheinander gebracht. Mit großer Scham überreiche ich ihr 400.000 Dong. Sie schenkt mir ein winziges Kissen, an dem drei Schellen befestigt sind. Es bringt Glück. Ich gehe wieder einmal beschenkt von dannen. Was für eine unglaubliche Frau!


Noch völlig beeindruckt von diesem Erlebnis, folge ich der Straße weiter hinab. Unten macht sie eine Linksbiegung. Überall stehen nette Menschen in Türeingängen und fragen einen, ob man eine Fußmassage genießen möchte. Im Hintergrund stehen sichtbar die gemütlichen Liegen und warten genau so auf Kundschaft, wie die Eigentümer derselben. Da ich sehr kitzlig an den Füßen bin, nehme ich Abstand und danke.

Mein Weg führt mich ein Stück weiter in ein Lokal. Nach diesem Getriebe des Tages und den vielen Eindrücken in jedem Moment, ist hier ein guter Platz um zur Ruhe zu kommen. Kurz nachdem ich mich nieder gelassen habe, setzt sich ein junger Mann in meine Nähe. Wir kommen in ein kurzes lockeres Gespräch, mit den normalen Themen. Er erwähnt nebenbei, dass er auch als Guide arbeitet und fragt, ob ich Interesse daran hätte. Ich verneine, treffe ihn allerdings am nächsten Tag wieder und mache eine Tour für den folgenden Tag aus.


Am Nebentisch sitzen drei junge Frauen und plaudern und lachen. Irgendwie werde ich in die Unterhaltung mit einbezogen, vornehmlich von einer, die mir am nächsten sitzt. Erst geht es um dies und das, bis sie mir am Ende fast ihr komplettes Leben geschildert und Herz ausgeschüttet hat; inklusive Beziehungskrise und Trennung von ihrem Freund. Es ist alles noch sehr frisch und sie leidet sehr. Ich habe trotzdem ihre Mailadresse bekommen.

Dann brechen sie auf und fragen ob ich mitkommen möchte, sie haben Hunger und wollen noch etwas essen. Klar, warum nicht. Wir haben den gleichen Weg, ist doch ihr angesteuertes „Lokal“ direkt um die Ecke bei meinem Hotel. Niedere Hocker, Planen... lustig. Wir plaudern noch ein wenig, dann geht es für jeden in sein Heim.


Das Frühstück ist fantastisch. Das Buffet ist voller herrlicher Speisen und man weiß nicht wo man anfangen und ob man aufhören soll. Lauter bunte und unbekannte Früchte, Säfte, warme Speisen, Salate und und und.

Danach begebe ich mich in mein Zimmer und gehe wieder einmal meiner morgendlichen Tätigkeit nach, die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt hatte. Eine Notiz im Hörtagebuch lautet: „Gerade fährt ein LKW am Hotel vorbei. Mein Zimmer ist im ersten Stock und so kann ich diese Szene sehr gut beobachten. Auf dem Anhänger des LKW’s steht ein Bagger; und auf dem Bagger steht ein Mann“. Was macht der da?

Bei einem Erkundungsgang geht es ganz nett und ganz schön lang den Berg hinunter. Auf einmal sehe ich eine mir bekannte Tonne auf Rädern und schon bekomme ich die Bestätigung. Es ist eine große Karre, wie ich sie schon bei den Müllfrauen in Hanoi gesehen hatte. Sie steht da einfach neben der Straße. Doch später als ich wieder herauf komme, muss ich entdecken, dass hier, wo die Häuser auf der anderen Straßenseite stehen, die Müllhalde ist. Der Abfall wird einfach den Hang hinunter gekippt.

Noch ein Stück weiter, höre ich auf einmal ein sonderbares Geräusch. Mir ist sofort klar, dass es von einem Insekt produziert wird, vorerst kann ich aber keines ausmachen. Auf einmal entdecke ich eines auf dem Fußgängerweg. Es ist schwarz und rot. Ich tippe auf eine Zikadenart. Sie ist riesig. Mein Gedanke dazu ist, dass ich später oder morgen noch einmal herkommen werde und eine Aufnahme mit meiner Kamera machen werde. Was für ein Hornochse muss man sein, dass man nicht zu mindest ein Foto mit dem Handy macht, wenn man schon diese Chance hat. Ich habe nie wieder eine gesehen, allerdings ihr Zirpen aufgenommen.


Mir war zu Ohren gekommen, dass es eine Markthalle gibt und da wollte ich gerne hin. Im Hotel erklärt mir meine nette Rezeptionistin den Weg. Zum See und dann um ihn herum und etwa in der Hälfte ist dann die Halle.

Als ich dort eintreffe, komme ich gar nicht richtig hinein, versperren mir doch wieder einmal drei Grazien den riesengroßen Eingang. Keine Chance. Also schaue ich mir an, was sie so haben. Ein Halsring aus Silber hätte mir gut gefallen, leider gehört er der Grazie selber; schade. Täschchen habe ich schon ‚en masse’, ein Armband, das nicht verfärbt, aber abfärbt auch. Da haben sie doch noch etwas, was die anderen nicht hatten; Ohrringe. Die gefallen mir sofort. Erstens sind sie nicht ganz so groß, wie viele andere und sie sind ganz schlicht. Einfach ein Silberring, dessen Ende in eine am anderen Ende gedrehte Silberdrahtspirale eingeführt wird. Durch die Spannung des Rings, bleibt er geschlossen. Ich bringe sie meiner Schwägerin mit.

Ich darf drei Fotos machen, eines ist zu dunkel. Die junge Frau hat rotbraune breite Streifen bis zum Hals hinauf. Sie sehen aufgemalt aus, aber ich weiß es nicht und traue mich -blöderweise- nicht zu fragen. Sie trägt die gleichen Ohrringe.

Ich schlängle mich ein wenig durch die eng beieinander stehenden Stände. Hier gibt’s viel Mist zu kaufen. Wenig was mich interessiert, nichts was ich kaufe.

Ein relativ großer Stand hat Tee und Kräuter im Angebot. Wunderbar. Später komme ich aus der Halle und sehe, dass sie Kräuter, Tee und unter anderem auch Baumschwämme und weiter Unbekanntes, direkt an der Straße und auch ohne Unterlage auf dem Gehweg, oder auf flachen Korbtabletts, trocknen. Auf großen Flächen. Es staubt ganz ordentlich, wenn ein Auto oder LKW vorbei fährt. Wie ist das mit irgendwelchen Tieren; wissen sie, dass sie nicht darüber laufen dürfen? Und um die Ecke gegangen, sehe ich wieder große Mengen an Fleisch, Roh und offen angeboten.

Neben der Halle bekommt gerade eine alte Frau irgendein Mittelchen gegen ein Leiden angeboten. Sie öffnet die Packung, aber etwas scheint nicht so zu sein, wie sie es sich vorstellt, oder wie sie es kennt. Sie kauft es nicht.

Ihre eine Hand ist dick mit einer dünnen Schnur aus einer Naturfaser umwickelt. Ich komme näher und sehe ihr zu, wie sie zwei Enden meisterlich verzwirbelt, so dass man nicht bemerken kann, wo der Anfang und das Ende der beiden Schnüre ist. Irgendwie wird an dem einen Ende die Faser so geteilt, dass sozusagen ein Loch entsteht, in das die andere Schnur verdreht wird. Dann geschieht dasselbe mit dem anderen Ende. Und irgendwie wird sie auch noch einmal geteilt und erneut verdrillt. Keine Ahnung. Am Ende ist es einfach eine einzige Schnur geworden, ohne Unebenheiten. Unglaublich. Und so schnell. Dann wickelt sie sie auf ihre Hand auf. Ich frage, ob ich eine oder zwei Schnüre mitnehmen dürfe. Sie gibt mir vier, nachdem ich ihr einige Dong gereicht habe. Leider sind sie irgendwo verschollen, ich konnte sie bis heute nicht finden. Das ist wirklich schade. Bei einer anderen Frau durfte ich einen kurzen Film von dem Vorgang des Verzwirbeln der Enden machen.


Mein Rückweg führt mich auf der anderen Seeseite heim. Die Straße und der Gehweg sieht teilweise verheerend aus. Auf- und weggebrochene Steine liegen wild durcheinander, alles ist so staubig. Da zeigt sich meinem erstaunten Auge doch wahrlich ein fehlender Betondeckel und darunter der Schacht ist schätzungsweise zwei Meter tief. Wenn hier ein ortsunkundiger Mensch in der Nacht geht und es dunkel ist, fällt er dort hinein.

Frei herumlaufende Hühner an einer Hecke. Ein paar Meter vorher verläuft eine dünne Bambusstange vom Haus zu einem Baum. In ihm steckt ein Nagel, darauf wurde die Stange abgelegt und an ihr hängt Wäsche. Auf einer Wiese stehen Bäume. Zwischen ihnen haben sie ebenfalls Leinen gespannt, auch hier Wäsche. Ein buntes Bild.

Und mein Magen knurrt und fordert energisch Beruhigung. Ich sehe aus der Ferne ein Lokal und steuere darauf zu. Eine aufgeschlossene nette junge Frau fragt, ob sie mir helfen kann. Ich frage nach dem Lokal und sie zeigt nach links, dort ginge es die Treppe hinauf. Hier unten gibt es nur diese typisch wuchtigen Möbel.

Über eine metallene und wackelige Treppe geht’s hinauf. Oben angekommen, werde ich relativ stumm empfangen. Man spricht nicht wirklich Englisch. Und da kommt meine nette Frau von unten schon zur Hilfe und übernimmt die Einweisung zum Tisch und Erklärung zum Essen und bestellt dann für mich. Wieder einmal Reis mit Gemüse, ein Bier, ein Orangensaft und ein Happy Water, das ein Schnapserl ist. Ich beginne mit dem O-saft; wunderbar, hatte ich doch wirklich Durst. Dann das fröhliche Wasser, welches seine Wirkung dann auch mal bald zeigt und das Bier nehme ich letztendlich in der kleinen Dose mit. Sogar mit nach Sankt Gilgen. Und ich verschenke es; wann bekommt man schon einmal ein vietnamesisches Bier?

Mein Essen wird auch schon serviert. Der Sohn des Hauses bringt es mir. Bescheiden und ohne viele Worte stellt er es vor mir ab und verschwindet wieder. Ich sitze in einem terrassenähnlichen Raum mit Blick hinaus. Er setzt sich mehr in das Innere des Lokals. Mir schmeckt’s wieder einmal sehr gut.

Dann holt er sich seine Pfeife, die aus einem etwa fünf Zentimeter dicken Bambusrohr hergestellt ist. Schätzungsweise nach dem ersten Viertel des Rohres von unten, ist ein kleiner Trichter eingebaut, in welchen man den Tabak gibt. Dann wird befeuert und er saugt kräftig den Rauch in seine Lunge ein. Dann kommt ein riesiger Schwall aus seinem Mund gequalmt. Manchmal zischt es merkwürdig, ich glaube, dass dies mit der Reinigung des Trichters zusammenhängt. Sie blasen ihn dann aus.

Während er so gemütlich vor sich hinraucht, schaut er sich einen äußerst brutalen Film an. Es wird geschlägert und gemordet, Blut spritzt und sie schreien sich an. Die Besonderheit dieses Filmes ist, dass er synchronisiert ist. Ja, bei uns ist das auch so, nur gibt es einen klitzekleinen Unterschied. Die Stimmen dieser brutalen Helden, werden von einer nüchternen Frauenstimme rezitiert und es scheint so, als ob sie den Text von einem Blatt ablesen würde. Alle Stimmen werden von ein und derselben Frau gesprochen. Sehr komisch.

Er hatte sich einen Tee gemacht. Auf einmal schnappt er die kleine Teekanne und ein kleines Teeschälchen und stellt beide wortlos vor mich und deutet darauf, um zu bekunden, dass ich auch etwas davon trinken darf. Die schon benutzte Tasse ist bereit gefüllt zu werden und schon schlürfe ich einen herrlich kräftigen grünen Tee. Was für eine stille liebenswerte Geste.


Am letzten Abend in Sa Pa gehe ich noch gemütlich etwas trinken. Drei coole junge Männer arbeiten dort, oder sind Freunde. Wir unterhalten uns und es ist eine lockere lustige Stimmung hier. Sie fragen, was ich arbeite und dann erzähle ich ihnen vom Museum und das ich Instrumente vorspiele. Klar habe ich meine stets mit mir seiende Maultrommel heraus geholt und nach ihrer Wunschäusserung auch gespielt. Dann musste noch unbedingt ein Selfie gemacht werden. Ein lustiges Foto.

Natürlich gibt’s hier in Sa Pa auch wieder einiges, was unbedingt mit nach Hause muss. Die wirklich wunderschöne Tracht der Frauen fasziniert. Manche tragen grell gefärbte Röcke, die beim Gehen lustig hin- und herschwankeln. Sie sind nicht handgefertigt. In einem Geschäft entdecke ich einige wild durcheinander liegend, in niederen Regalen. Sie sind sehr wohl in mühevoller Arbeit hergestellt. Der schwere Stoff ist zauberhaft, einer schöner als der andere. Ich entscheide mich für einen. Er kostet 2.280.000 Dong, was etwas mehr als 90 Euro sind. Er ist wirklich ein Schmuckstück und ist nun in unserer Sonderausstellung im Museum zu bestaunen. Seine Farbe ist dunkelblau. Bunte Bänder und Muster zieren ihn. Falten von oben nach unten fein gerafft. Der lustige knallrote Rock, war wesentlich billiger. Ich habe auch ihn mitgenommen.


Da sitzt er doch tatsächlich zur ausgemachten Zeit auf seinem Motorbike, sogar etwas zu früh, an der Ecke meines Hotels und lächelt. Mein Guide! Ich brauche allerdings noch ein paar Minuten. Und dann kann’s auch schon los gehen. Es soll nach Ta Phin zu den Red Dao gehen. Helm auf! - und schon düsen wir los. Aus Sa Pa heraus, doch vorher noch tanken. Ich steige ab und warte. Stehen doch dort tatsächlich Fahrzeuge sehr weit von den Zapfsäulen entfernt und wollen auch tanken. Ist aber kein Problem. Der Schlauch ist unglaublich lang; locker 10 Meter, eher mehr.

Und weiter geht es. Wir biegen links von der etwas größeren Straße ein. Er bleibt stehen und gibt mir die Chance, ein paar Fotos zu machen. Und wieder darf ich einmal dieses wundervolle und so sehr charakteristische Bild, von ruhenden Menschen sehen. Sie sitzen immer irgendwo in der Landschaft und schauen auf das Land. Scheinbar untätig. Warten sie auf jemanden, oder rasten sie nur ein wenig? Es fällt mir auf jeden Fall extrem auf. Immer wieder sitzt oder steht jemand in völliger Ruhe und Gelassenheit. Ein befremdliches, aber sehr wohltuendes Bild.

Ich freue mich extrem darüber, dass der Auslöser meiner Kamera für dieses Foto, ausgerechnet in dem Moment sein klick hören lässt, als das kleine Kind neben den beiden Frauen, neugierig und verhalten zugleich, nach hinten zu mir blickt.

Ringsum in der Ferne zeigt sich hügeliges und auch bergiges Land. Grün ist die vorherrschende Farbe. Ich frage meinen Guide, was die Versammlung dort unten im Tal bedeutet. Es ist eine Beerdigung der Hmong. Alle sind zwar schwarz angezogen, aber das sind sie ja immer.

Wir fahren weiter ins Tal und kommen direkt bei den trauernden Menschen vorbei. Scheu blicke ich aus dem Augenwinkel zu ihnen. In der Kürze lässt sich nicht viel erkennen.

Und schon wieder bleibt er stehen. Eine Mautstelle in der Einöde. Ich darf bezahlen, sagt er teilnahmslos, als sei er gar nicht da. Spaßvogel. Es sind nur ein paar Tausend Dong. Kein Problem.

Der Weg führt uns an schwarzen Hängebauchschweinen vorbei, die in einem umzäunten Areal gehalten sind. Wir bleiben kurz stehen und sehen uns um. Er zeigt mir spezielle Pflanzen, die sehr teuer sein sollen und auch die mir ja schon bekannten riesigen Schindeln auf einem Dach. Eines der Hängebauchferkel scheint mich verfolgen zu wollen. Wie es auf die Straße gekommen ist und ob dies rechtmäßig ist, weiß ich nicht. Es ist noch ein kleines Ferkel und sehr mager. Ich hatte diese Rasse vor vielen Jahren während eines Praktikums in einer Baumschule in Deutschland kennengelernt und versorgt. Die eine Sau wurde so zutraulich, dass ich sie während des Fressens streicheln konnte. Zuvor war sie quietschend und überaus empört, ob dieser impertinenten Annäherung, vor mir geflohen.

Immer wieder sehe ich fressende, oder faul herumliegende Büffel. Ein unvergessliches Bild ist ein Büffel in einem richtig lehmig hellbraunen Wasser. Er liegt in phlegmatischer Ruhe in der Mitte desselben und rührt sich nicht von der Stelle. Er genießt die kühlende Nässe. Nur der obere Teil seines Kopfes schaut heraus. Am liebsten hätte ich mich neben ihn gelegt. Erst als ich ihn kurz filme, wird er im Vergleich zu vorher, „äusserst rege“.

Mein Motorbikeguide bietet mir an, dass er immer stehen bleibt, wenn ich ein Foto machen möchte; ich brauche es ihm nur zu sagen. Einmal ist’s dann ein Büffel, der neben der Straße steht und genau eine solche Glocke umgehängt hat, wie die, die ich in Bac Ha gekauft habe. Später noch ein Büffel und im Vordergrund desselben steht ein Junge an einem Zaun und hält sich die Sonne mittels eines Papiers vom Gesicht fern. Ausserdem hat er noch einen sehr spärlich beblätterten Zweig zur Hilfe genommen.

Dann fahren wir weiter und im letzten Moment erhasche ich noch den Einblick in ein kleines Gebäude und sehe einen Webstuhl dort stehen. Schon sind wir drinnen. Ein Mädchen demonstriert kurz, wie gewebt wird. Ihre Schuhe und umwickelten Beine sind wunderbar. Im Innern sitzt ein traditionell gekleidetes Mädchen und ist in ihr Handy vertieft. Der Blick hinunter ins Tal ist wunderschön und hier kann man die hölzerne Wasserzuleitung für das Reisfeld sehen.

Plötzlich steht ein schüchtern und zurückhaltender Junge neben mir auf der Straße. Ich spreche ihn englisch an. Er schaut nur. Sagt nichts. Schaut und steht da. Ich mache nach kurzem fragendem Blick und scheuer bejahender Antwort, ein Foto von ihm und zeige es ihm. Er schaut es sich vorsichtig an und geht dann seiner Wege. Später werden wir ihn noch einmal treffen.

Irgendwann beschließe ich, keine Fotopausen mehr einzulegen und mache die Fotos während der Fahrt. Nur wenn etwas zu speziell ist, bitte ich ihn.

Dann kommen wir zu einer Höhle. Ein Mädchen drückt mir eine Taschenlampe in die Hand, nimmt auch eine für sich selber mit und wir verschwinden in der Tiefe des Gesteins. Es ist angenehm kalt hier, allerdings schwitze ich durch den Temperaturunterschied auch hier. „Be careful! It’s slipy here!“, meint sie am Anfang unserer kurzen Expedition. Tatsächlich, ganz schön glitschig und matschig. Wäre beinahe ausgerutscht. Ein enger Durchschlupf fordert sogar von mir eine akrobatische Einlage. Sie zeigt mir eine versteinerte Schildkröte und ein ebenfalls versteinertes Krokodil. Besonders das Krokodil, ist mir tatsächlich in dieser Beschaffenheit hier lieber. Dann sind auf einmal hölzerne Leitern, breit, nieder und klobig im Weg. Auf der einen Seite geht’s hinauf, auf der anderen wieder herunter. Sie überbrücken irgendetwas. Mit der Kamera in der einen und der Taschenlampe in der anderen Hand und dieselbe als Stütze für mittelmäßige Sicherheit nutzend, mühe ich mich fort und fort. Sie springt förmlich wie ein junges Reh, was sie ja auch ein wenig ist, über diese Hindernisse. Weshalb, weiß ich nicht; aber warum sie mich noch einmal über ein solches Holzgestell scheucht und dann auf der anderen Seite fragt, ob ich noch weiter gehen möchte, ist mir ehrlich gesagt, völlig schleierhaft. Nachdem ich sie zurückfrage, wie weit es denn noch bis zum Ende der Höhle ist, meint sie, dass wir noch nicht einmal in der Mitte sind. Ich kann nicht leugnen, dass es wirklich interessant hier unten ist, aber es reicht mir; total. Also gleich mal wieder zurück über dieses Ding und bald hat das Tageslicht uns wieder.

Draussen wartet ein zu süßer Bub mit seiner jungen Mutter. Das Mädchen, das mich in die Dunkelheit und tiefe der Erde geleitet hat, verlangt eine schmächtige Bezahlung und setzt sich gleich nieder und bestickt einen grünen Stoff mit gelbem Faden. Ein paar Meter vom Eingang der Höhle entfernt, ist ein Felsenspalt, den sie sich häuslich mit Matratzen und allem was sie hier brauchen, eingerichtet haben. Es ist bestimmt sehr angenehm kühl dort.

Ich verabschiede mich von ihnen und wir fahren auf einem anderen Weg zurück nach Sa Pa.


Irgendwie habe ich mich mit den Kleidungsstücken in Österreich vertan, auf jeden Fall brauche ich noch dringend etwas für den Heimflug. Wie ein Geschenk des Himmels ist es da, als ich von meinem Zimmer aus, auf dem gegenüber liegenden Gehweg eine Gruppe junger Frauen sehe und ihr Angebot. Da liegen doch glatt T-Shirts. Nix wie runter, Small-Talk und zugreifen. Super! Zwei Nichtvietnamesinnen, etwas älter als die Mädchen hier, erklären mir, dass sie den Menschen helfen wollen und neue und andere Produkte mit ihnen herstellen und verkaufen. Nicht nur Täschchen. Das T-Shirt selber stammt aus Korea und hat eine wunderbare Qualität. Eigentlich ist’s ein wenig teuer, aber für den guten Zweck... und ausserdem bin ich heilfroh, frisch aus Hanoi davon fliegen zu können. Noch dazu habe ich Su kennengelernt. Sie hat es hergestellt. Ein kleines Schildchen ist aufgenäht, worauf man „Sa Pa“ lesen kann. Um den Kragen und die Gelenke zeigen sich in farblich gedämpften Tönen, schöne Verzierungen.

Impressionen zur Reise

Zurück in Hanoi


Am frühen Abend holt mich ein Shuttlebus vom Hotel ab, ich bekomme den letzten Platz direkt an der Schiebetür. Von den Mitfahrenden erfahre ich, dass sie schon recht lange von Hotel zu Hotel unterwegs sind und es geht eine leichte Genervtheit von ihnen aus. Kann ich gut nachvollziehen.

Immer wieder klingelt das iPhone des jungen Busfahrers und er redet und redet. Nach circa einer Stunde Fahrt, sind wir wieder in Lao Cai angekommen.

Einige Schritte vom Bahnhof entfernt, im Aussenbereich eines Lokales sitzend und auf die Abfahrt des Nachtzuges um einundzwanzig Uhr zehn zurück nach Hanoi wartend, esse ich eine Kleinigkeit und als Gutenachttrunk gibt‘s ein Hanoi Beer. Irgend woher stinkt es kloakisch, neben mir stapeln sich riesige Kartons mit irgendwas drin und anscheinend zieht, wie mich das Hungergefühl, die Kloake einige Mücken an. Sie summen mir eins zur guten Nacht.

Aus Langeweile fotografiere und filme ich ein wenig herum. In heimatlichen Gefilden musste ich erkennen, dass die Spannung und Einmaligkeit dieser Dokumente ebenfalls unglaublich langweilig sind. Allerdings sind selbst in dieser Dunkelheit und unraffinierten Einstellung, die Mücken deutlich zu erkennen. Das Einzige, was mich schon vor Ort fasziniert, ist der Mond in seiner Sichelform. Er liegt wie eine Schale dort oben am Firmament. Wunderschön.


Zurück in Hanoi und in meinem Hotel, sitze ich schwitzend und geruchlich nicht ganz einwandfrei, auf mein Zimmer wartend, in der Nähe der Rezeption. Irgendetwas ist mit der Reservierung schief gelaufen, ich soll in ein anderes Hotel übersiedelt werden, weigere mich allerdings. Überquert man die zweispurige Einbahnstraße draussen vor dem Hotel, so kommt man in einen langgezogenen parkähnlichen Bereich. Dort machen Frühaufsteher um 6 Uhr ihre Morgengymnastik. Laute Musik gibt den Rhythmus vor, eine junge Frau steht vor ihnen, wippt auf den Zehen, schwingt die Arme und kreist mit ihren Hüften und alle tun es ihr gleich. Sie sind zum Äußersten motiviert, in morgendlicher von Mopeds getränkter, frischer Luft. Ausserdem ist eine Männerstimme hörbar, die aus den überall angebrachten Lautsprechern etwas verkündet. Das dauert sehr lang.

Hier lungern über den Tag verteilt Frauen und Männer, mit und ohne Kindern, Jugendliche. Scheinbar herrenlose Hunde streunen herum, wälzen sich manchmal am äusseren Rand eines Springbrunnens, dessen hoher Wasserstrahl, durch den Wind verweht, über ihn hinwegspritzt und geniessen die kurze Erfrischung in der Hitze und Schwüle der Stadt.

Es ist wirklich langweilig, aber die letzte Nacht war nicht die wahre Erholung und dazu das Klima. Ich bin zwar wach, aber nicht wirklich anwesend. Dann werde ich durch einen Anblick, den ich nie vergessen werde, soetwas von munter; das hätte kein Kaffee geschafft. Sitzt doch die nette Empfangsdame der Rezeption mit ihren Lockenwicklern im Haar am Computer, als ob das die selbstverständlichste Sache der Welt wäre und bedient alle, die etwas brauchen. Würde sie zu mir herübersehen, hätte ich sie wahrscheinlich erschreckt, da sich der müde Mann mit den Schlitzaugen, in einen Frosch mit Glupschaugen verwandelt hatte. So etwas Urkomisches!

Die Müdigkeit ist schnell zurückgekehrt und da ich weiterhin auf mein Check-in warte, beschließe ich, mir einen Kaffee zu organisieren. Aus dem Hotel heraus, einige Schritte nach rechts, dann über die Straße und: angekommen.

„Ja!, den Kaffee bitte ohne Eiswürfel! Danke!“. Er wird im hohen Glas mit einem langen Löffel darinnen serviert. Zucker gibt’s extra. Der Löffel bleibt, wie ich ringsum von den Einheimischen lernen kann, im Glas. Ich koste ihn. Kalt! Er war ein einfacher kalter Kaffee. Super lustig! Kurze Zeit später, stellt man mir ein Glas mit grünem heißem Tee dazu; wortlos, vielleicht ist das hier so. Statt Wasser, gibt’s halt Tee zum Kaffee. Lange Zeit nach meiner Rückkehr von Vietnam erfahre ich von anderer Seite, ebenfalls ein Vietnamreisender, das gleiche Erlebnis; Kaffee mit Tee.

Als ich bezahle und etwas mehr gebe, fühle ich die Irritation des jungen Mannes. Er bringt die Einnahme der hübschen Kollegin, die sich gerade im Aussenbereich des Lokals befindet; auch hier sind einige Tische und ich bemerke, dass irgendetwas nicht passt; sie reagiert fast unwillig, als hätte ich sie mit dem Trinkgeld beleidigt. Ich frage ihn, nachdem er zurück ist, ob Trinkgeld unüblich sei; er bestätigt dies.

Dann beobachte ich wieder die Menschen gegenüber des Hotels. Da sehe ich einen rührend besorgten Vater hinter seinem quicklebendigen, circa ein Jahr alten Kind herlaufen, um ihm permanent mit einem Fächer, kühlende Luft zukommen zu lassen. Da musste er ganz schön flink und wendig sein.

Nachdem nun Stunden des immer mehr gleichmütig werdenden Wartens vergangen sind, darf ich mein neues Zimmer in empfang nehmen. Alles ist gut, zumindest nehm ich einige aus europäischer Sicht etwas andere Lösungen mit stoischer Ruhe hin.


Zur Sicherheit probiere ich mein in Sa Pa gekauftes T-Shirt und staune nicht schlecht und ärgere mich verhalten und will das nun auf mich Zukommende, beim besten Willen nicht. Ein wenig lächele ich auch, laut auflachen wäre jetzt sicher angebracht und vor Lachen sich zu biegen ebenfalls, wenn ich mich nicht erneut auf den Weg machen müsste, um ein Hemd oder T-Shirt zu kaufen. Das was ich im Spiegel sehe und wenn ich an mir herunterschaue; - keine Chance. Weder in Vietnam und schon gar nicht in Österreich. Dieses vermeintliche T-Shirt ist lang, ziemlich lang, bis zu den Knien. Aussen kann ich es ob dieser Länge nicht tragen, logisch, innen gäb’s irgendwie Platzprobleme. Ausserdem, man möge sich dieses Bild bitte wirklich einmal intensiv in die Vorstellung bringen, hat es rechts und links diese typischen Schlitze im Hüft- und Taillenbereich, wie es in dem, von den Frauen getragenen traditionellen Ao Dai zu finden ist. Neckisch und mehr, aber nicht bei mir. Nein, das geht nun wirklich nicht, beim besten Willen. Also bleibt mir nichts anderes, als nochmals einzukaufen. Diesmal erfolgreich. Es werden zwei kurzärmelige Hemden, in vietnamesisch-kleinem Schnitt, eines in Schwarz und das andere in Weiß.


Irgendwann versuche ich meine kleine Mrs. Moped zu kontaktieren. Es klappt; per Mail. Wir machen uns eine Zeit aus. Der Zeitpunkt nähert sich und Madame kann auf einmal nicht, verschiebt und verschiebt. Verschiebung hin, Verschiebung her, es wird mir nach längerer Zeit gutmütigen Wartens, relativ langweilig. Man kann dazwischen nichts anfangen und wartet. Das kann in Asien auch mal länger dauern, was ich wenige Monate später in Indien schätzen lernte. Momentan bin ich noch nicht so weit, es wird mir zu fad und ich schreibe ihr, dass wir’s auf den nächsten Tag verschieben. Ok!

Ich gehe in Richtung Wasserpuppentheater; das wollte ich auf jeden Fall sehen.

Gibt es eigentlich auch zwei Wunder? Ja, gibt’s! Da kommt meine Mrs. Moped daher und lächelt. Unfassbar! - wie macht die das? Sie bringt mich zum Wasserpuppentheater, sagt, ich solle auf ihr Moped aufpassen und verschwindet im Gebäude. Kurz darauf ist sie auch schon wieder da und wedelt mit der Karte vor mir herum. Wir haben noch ein paar Minuten Zeit; gehn wir doch was trinken. Wir fahren! Ein kurzer Plausch und zurück zum Theater. Sie wartet.

Mein Platz ist perfekt; aussen am Gang. Ich stelle mich an die Wand und kann alles genau sehen und sogar filmen. Der Humor dieser Spiele ist fantastisch und die Kunst der Puppenspieler großartig. Sie stehen im Wasser, können durch ein herabhängendes großes Tuch (oder aus was es auch immer hergestellt ist) die Puppen sehen. Wir können nur das Geschehen dort verfolgen. Die Spieler bleiben verborgen. Sie führen unter Wasser Puppen, die an langen Stangen befestigt sind. Die Wendigkeit und die Möglichkeiten des Ausdrucks sind unvorstellbar. Und natürlich ein wesentlicher Teil ist für mich die Musik. Vornehmlich hört man das Dan Bau, das einsaitige Instrument, das mit Flageoletttönen gespielt wird. Ich hatte schon eines in Österreich gekauft. Nicht schlecht staunte ich, als ich die eine Musikerin mit vier winzigen Teeschalen, Musik machen hörte. Ein Rhythmusinstrument. Auch hier, zurück in Sankt Gilgen, ist es wirklich lustig, diese Filmchen anzusehen. Größten Spaß hatte mein lieber Neffe dabei!

Sie ist tatsächlich noch da und lächelt auch schon wieder. Nein, es tut ihr sehr leid, sie ist unglaublich müde und möchte nur nach Hause, schlafen. Naja, ich hatte gedacht, dass sie wartet, um nachher vielleicht etwas trinken zu gehen und ein wenig geruhsamer zu plaudern. So komme ich zurück ins Hotel und sie ins Bett. Die Verabredung für den nächsten Tag allerdings, bleibt bestehen.


Ein neuer Tag. Ich stehe auf und bemerke in morgendlicher Tätigkeit ein Jucken am Bauch. Ich sehe nach und ein riesiger, leicht Konvex sich wölbender geröteter Buckel, zeigt sich meinem erstaunten und erschrockenen Blick. In letzter Sekunde ein Stich in Vietnam. Das Gefühl ist nicht gerade gut, aber in den nächsten Tagen war von ihm nichts mehr zu sehen. Zum Glück!

Dann kommt für mich die Chance, mich von dieser so aussergewöhnlichen und besonderen Stadt zu verabschieden. Ein wenig merkwürdig ist es ja immer, wenn man so bewusst das letzte Mal irgendwo hinkommt. So durchzieht mich eine leise Wehmut und aber gleichzeitig eine große Dankbarkeit, dass ich diese liebenswerten Menschen und ihre Heimat und ihre Lebensweise, an einem kleinen Zipfel erfassen durfte.

Ich durchwandele die morgendlichen Straßen Hanois und lande auch noch einmal in der Markthalle in der Nähe meines Hotels. Dort kaufe ich auch noch ein kleines Teeservice mit winzigen Teeschalen und dazu passender Kanne und Tablet und für meinen Neffen einen lustigen Stoffdrachen. Nachdem ich bei der sehr hilfsbereiten Tochter des Besitzers bezahlt habe, gibt sie mir den Tip, ich möge doch vorsichtig sein, hier in dieser Halle würden die Händler sehr hohe Preise verlangen, ich müsse unbedingt handeln. Ich schmunzle in mich hinein und meine zu ihr, dass ich mir sehr wohl bewusst wäre, dass ich bei ihr wahrscheinlich auch einen zu hohen Preis bezahlt hätte, worauf sie meinte, dass sie für mich gleich einen niederen Preis angesetzt hatte, da ich so ausgesehen habe, „als würde es leicht gehen“. Vielleicht hatte ich diese Ausstrahlung wirklich, da ich ja irgendwie auch meine letzten Dong loswerden wollte. Es war auf jeden Fall eine liebenswerte Begegnung. Ein frisches, offenes Lächeln verabschiedet sich von mir.

Ich schaue mich noch ein wenig weiter um und sehe auf einmal einen Stand, der Schuhe verkauft. Sie sind übereinander gestapelt und was wirklich witzig aussieht, - jeder Schuh hat einen Fuß aus Kunststoff in sich stecken.

Zu dieser Zeit findet ein emsiges Treiben in dieser Halle statt und ich fühle mich ein wenig am verkehrten Platz, werden doch überall die wohl vor kurzem neu angelieferten Waren verräumt. Ich schlupfe hier und da durch und bin auch sehr bald wieder draussen. Dort kommt gerade wieder eine neue Lieferung an. Landestypisch auf dem Moped.

Impressionen zur Reise




Ton! Wie passend!


Mein Weg führt nun zurück zum Hotel und bald taucht auch meine Verabredung auf. Ich stelle ihr frei, was sie mir zeigen möchte. Wir fahren sehr weit und ewig mit dem Moped und kommen in einen Ort, der für die Porzellanherstellung berühmt ist. Wir stellen das Moped an einem (kostenpflichtigen!:) Parkplatz ab und gehen in die Verkaufshallen, wo alles zu bekommen ist, was man sich  nur vorstellen kann; Massen an Porzellan. Vom kleinsten Artikel, bis zur riesigen, übermannsgroßen Buddhavase, die sehr teuer sind, wie sie mir versichert.

Wir stranden in einem der vielen Verkaufsläden. Sie haben ein Angebot. Man kann sich fotografieren lassen und dann diese Fotos auf eine Tasse drucken lassen. Sie findet das super, so machen wir es!! Eine Tasse genügt natürlich nicht, es müssen zwei sein, für jeden eine. Die Fotos werden in dem Teil der Halle, wo dieser Laden sein Porzellan verkauft und dann auch noch draussen gemacht. Und noch einmal drinnen, oder war’s doch draussen besser. Das dauert. Dann haben wir es geschafft. Ihre Tasse ziert ein Foto, auf dem nur sie zu sehen ist, eines zusammen mit ihrer Schwester und eines mit mir. Es gibt eine Wartezeit, so gehen wir hinaus.

Dort angelt uns eine weitere vietnamesisch und auch geschäftstüchtig angehauchte Frau und führt uns in ihre Werkstatt, um uns arbeiten zu lassen. „Macht was und wir brennen es!“ Wir versuchen uns im drehen der Töpferscheibe, mein „Werkstück“ verunglückt gleich einmal, ich mansche es zusammen und forme neu. Sobald du mit deinen Fingern in der falschen Richtung unterwegs bist, hakst du einfach in dein Kunstwerk ein und es gibt eine fette Markierung - selbstverständlich ungewollt! Die nette Vietnamesin sieht, wie wir uns mühen. Bei ihr sah das so einfach aus. Sie kommt zu mir, umfasst meine Hände und formt mit mir zusammen einen Becher. Geht doch! Und noch dazu so einfach! Ich könnte noch stundenlang Becher drehen… Allerdings habe ich ein wenig verpasst, wie der Becher entstanden ist. Man kann ja auch nicht auf alles achten...

Kurze Zeit später kommen unsere Werke aus dem Ofen. Nun heißt’s kreativ sein. Die nette Frau spricht mit meiner netten Frau. Ich habe nicht einmal die Hälfte verstanden; ist ja auch irgendwie logisch. So sitze ich an meinem letzten Tag in Vietnam auf einmal mit einer jungen Frau auf extrem niederen Plastikhockern und bemale einen Becher und Unterteller, welche ich zuvor modelliert hatte. Ich bemühe mich extrem, irgend etwas liebenswertes zu malen... - - Dann sehe ich zu ihr hinüber. Den Teller in Herzform hatte sie schon fertig bemalt. Dann dreht sie die Tasse zu mir und ich sehe etwas, das eine ziemlich starke Aussage bedeutet: ... „Darling!“... Ich sehe sie an und lächle. Sie mich und lächelt verschämt und verschmitzt zurück. Irgendetwas schwirrt da, glaub ich!

Ich bezahle und wir gehen in den Laden, wo die Tassen schon fertig bedruckt auf uns warten. Sie hat noch einen Büffel mit einem auf ihm sitzenden Flötenspieler entdeckt. Der muss natürlich mit. Und gleich noch einmal bezahlen.

Wir fahren ewig zurück! Dann bleiben wir noch irgendwo in einem äußeren Bereich Hanois stehen und gehen essen. Mein Hunger ist winzig und so bestelle ich eine Kleinigkeit. Sie bestellt auch; keine Ahnung was. Wir plaudern ein wenig, auch mit den Besitzern des Lokals und die Zeit vergeht. Alle sind rührend um uns bemüht. Meine Kleinigkeit ist wie durch ein Wunder zu einer stattlichen Mahlzeit angewachsen, was mir schon beim Anblick den letzten Hunger nimmt. Berge an Essen. Am Anfang bekamen wir Maiskörner, irgendwie warm und ziemlich hart, aber echt lecker, die wir mit Stäbchen von dem Teller naschten. Das hätte genügt! Nein! - ich bekomme meine Bestellung und ähnlich wie bei Mrs. H., auch riesige Kostproben. Ich platze. Sie kann auch nicht mehr und läßt es sich für ihre Mitbewohnerin einpacken.

Draußen läuft ein Hahn an der komplett geöffneten Front des Lokals etwas unmotiviert auf und ab.

Und ab geht’s zum Hotel. Ich habe unsere Schätze in einer Plastiktüte und schütze sie! Und da heute ja auch mein Abreisetag und Rückflug nach Österreich ist, finden sich bis nach Sankt Gilgen, Tonspuren auf meinen Schuhen und der Hose.

Als wir beim Hotel ankommen, bezahle ich den ausgemachten Preis und ein wenig mehr.

Die Beschriftung der Tasse, die sie für mich gemacht hat, führt dazu, dass ich zum Abschied ein Küsschen von ihr bekomme. Schlingelchen!


Mr. T. hat mir angeboten, dass er mich zusammen mit seinem Freund, wieder zum Flughafen bringen würde. Was für eine Hilfe, ist es doch wirklich weit bis dort hin. Das nehme ich sehr gerne an.


Wieder daheim angekommen, gehe ich natürlich vor Erzählungen über. Ich zeige alles, was ich eingekauft habe und schon bald türmen sich wunderschöne Mitbringsel im ganzen Zimmer. Dazu trinken wir Tee, aus den typisch winzigen Tassen und ich denke dabei an Hanoi und das Wasserpuppentheater. Gleich versuche ich mich als Teeschalenmusiker. Ein Naturtalent bin ich da mal nicht. Es ist eine schöne und fröhliche Stimmung hier bei uns. Wir lachen viel und herzlich.


Da fällt mir noch etwas ein. In Vietnam gibt es Schornsteine, die am oberen Ende ein merkwürdig metallen glänzendes ovales und gefächertes sich ständig drehendes Ding haben. Ich habe mich immer gefragt, was das ist, aber nie nachgefragt. Unvermittelt stehe ich auf einmal in Sankt Gilgen vor einem Haus, mit genau diesem Aufsatz am Schornstein. Und das Glück war mir hold, gehört doch das Haus zum Schornstein, Freunden. So konnte ich sie fragen, wofür dieses glitzernde und sich immer drehende Schmuckstück sei. Es soll den Zug im Schornstein verbessern. Anhand der Fotos, die ich vom Hotel aus über die Dächer Hanoi’s gemacht habe, konnte ich entdecken, dass dieser Aufsatz dort nicht auf einem Schornstein, sondern auf einem gläsernen Kegel installiert ist. Ich schätze, dass es sich hier um die Abluft handelt und das die warme Luft besser aus dem Haus geleitet wird. Nie noch hatte ich soetwas gesehen. Dann verreist du tausende Kilometer und siehst etwas Unbekanntes und findest es ein paar Tage später in deiner Heimat wieder.


Ein P.S. gibt’s noch. Mit Mrs. Moped bin ich weiterhin in Kontakt. Wir schreiben uns Kurznachrichten über eine dieser „sozialen Netzwerke“.

Dann ein Hilferuf ihrerseits; sie hat Probleme mit der Wohnung, sie braucht Geld und bittet, ob ich ihr helfen kann. Ich frage genauer nach und als mir dieses umständliche hin- und herschreiben zu mühsam wird, rufe ich sie kurzerhand an. Sie hebt sofort ab. Ein mickriges Stimmchen ist zu hören und in dem Moment weiß ich, dass sie das Geld bekommt. Nachdem ich dies kundtue, höre ich den sprichwörtlichen Stein zu Boden fallen und ihr Herz hüpft wieder dort hin, wo es hin gehört und fängt wieder an zu pochen. Sie nennt mich so alles Mögliche, was auch ein wenig mit der Rückseite der Tasse zu tun hat und alles ist gut.

Bei der Überweisung gibt es nun auch einige Probleme; die Angestellte verwechselt den Empfängernamen mit der Adresse. Man kann aber auch ganz schlecht ersehen, was nun ein Name einer Person und was ein Name einer Straße ist. Wenn bei uns etwas wie „Franz“ und „Müller“ steht und weiter noch „Rosenhainweg“ und „15“, wird niemand, der Herrn Müller etwas schicken möchte, als Vorname des Empfängers „Rosenhainweg“ und als Nachname „15“ angeben. Aber dieser Angestellten ist genau das passiert. So bekam sie das Geld von der Bank in Hanoi vorerst nicht ausbezahlt. Also musste ich eine Änderung veranlassen, Namen und Adresse tauschend, was wieder meine Geldbörse schröpfte.

Nach einem hin und her von insgesamt 146 (!) Nachrichten und zusätzlichen neun Anrufen, innerhalb von sieben Tagen, waren 1.5 Millionen Dong überwiesen, zuzüglich der über 20 Euro Gebühren für Transfer und Änderung.

Und in einer anderen Welt war ein Mensch erleichtert.




Innerhalb von wenigen Wochen war die Entscheidung nach Vietnam zu reisen getroffen, ich dort gewesen und auch schon wieder zurück. Es war eine Zeit der Begegnung mit vielen lieben Menschen. Es ist so bezaubernd zu sehen, wie andere Menschen ihr Leben leben und gestalten. Der Mensch ist mir immer das Wesentliche.




Impressionen zur Reise